(J) Batou kommt auf den Hund.

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Frau Schildkröte: Und los geht’s! Heute ist tierischer Ernst angesagt, verehrter Herr Achill.

Herr Achill: Dessen befleissigen Sie sich ja regelmässig in unseren Gesprächen, verehrte Frau Schildkröte.

Frau Schildkröte: Wieder kampfeslustig an diesem schönen Tage, wie?

Herr Achill: Aber nicht doch, liebe Frau Schildkröte. Das war, mit Verlaub, nur eine allgemeine Feststellung – ohne jedwelchen Bezug zu Ihrer eigenen Zugehörigkeit zu einer biologischen Spezies.

Frau Schildkröte: Sophist! Aber gut, lassen wir es dabei bewenden und konzentrieren wir uns auf die Spezies Hunde.

Herr Achill: Gabriel, der Basset, muss als als Kompensationsobjekt für eine entschwundene Geliebte herhalten.

Frau Schildkröte: Was meinen Sie, verehrter Herr Achill, verweist der Name des Bassets in „Ghost in the Shell – Innocence“* nicht auf einen ganz bestimmten christlichen Mythos?

Herr Achill: Der Erzengel! Ja, diese Anspielung dürfte kaum zufällig sein.

Frau Schildkröte: Schön, dass Sie mir zustimmen, verehrter Herr Achill… Nun, in „Ghost in the Shell“** war die Heldin Motoku – der Major – fast unentwegt an der Seite von Special Agent Batou.

Herr Achill: Und dann war der Major weg – entschwunden in den Tiefen des Webs.

Frau Schildkröte: Neun unendliche Jahre und einen Animé später jagt Batou noch immer die Verbrecher.

Herr Achill: … doch er fühlt sich dabei sehr einsam: ‚All I have is my dog Gabriel. I have no friends, no lover. My former partner the Major is gone.’***

Frau Schildkröte: Aber man hat ihm einen neuen Partner an die Seite gestellt.

Herr Achill: Togusa. Ein Mensch, wie er leibt und lebt… und denkt: nämlich in einer Richtung, die unser wackere Kämpe Batou irgendwie – ja, mir fällt kein anderes Wort ein -: ätzend findet.

Frau Schildkröte: Das dürfte an den unterschiedlichen Rezeptionen der Welt liegen und was in ihr passiert. Aber vernachlässigen wir diesen Tagusa fürs Erste, obwohl es sich bei ihm um eine äusserst interessante Figur handelt… Und zurück zu diesem Hund, wenn Sie nichts dagegen haben, verehrter Herr Achill.

Herr Achill: Also nun kommt Batou auch noch sein Kompensationsobjekt abhanden. Tragisch, verehrte Frau Schildkröte! Nebenbei bemerkt: Batou spricht seine Bassethündin oft mit dem Nickname Gabu an.

Frau Schildkröte. Das plötzliche Verschwinden von Gabriel – oder Gabu – betrachte ich als einen turning point in der Antizipation seiner Welt.

Herr Achill: Wie das, verehrte Frau Schildkröte?

Frau Schildkröte: Im Handeln von Batou manifestiert sich zu Beginn, dass er seinen Hund als eine Maschine betrachtet – womit er sich irrt.

Herr Achill: Allerdings, und zwar gründlich.

Frau Schildkröte: Und dieser durch die folgenden Ereignisse widerlegte Irrtum – das ist der turning point. Oder sollte ich Katharsis sagen?

Herr Achill: Lieber nicht. Aber Batou soll vor seinem angeblichen Erkenntnisschub eine Maschine lieben? Also ich weiss nicht, verehrte Frau Schildkröte.

Frau Schildkröte: Warum denn nicht? Es soll Menschen geben, die Autos lieben, von Handys ganz zu schweigen, und die morgens im Büro zu ihrem Computer ‚Hallo’ sagen.

Herr Achill: Menschen, verehrte Frau Schildkröte, Menschen!

Frau Schildkröte: Menschen, ja – und somit mit grosser Wahrscheinlichkeit auch mit menschlichen Eigenschaften ausgestattete Cyborgs, verehrter Herr Achill!

Herr Achill: Batou verabreicht Futter und Streicheleinheiten an etwas, das er für eine Maschine hält. Und?

Frau Schildkröte: Und dann, wie bereits konstatiert, verschwindet diese Maschine plötzlich.

Herr Achill: Armer Batou. Als wenn er mit seinem heiklen Auftrag nicht schon genug Probleme hätte.

Frau Schildkröte: Probleme schon, die hat er in der Tat, aber ob er sie für sooo wichtig hält – da möchte ich doch eher ein Fragezeichen setzen.

Herr Achill: Entschuldigen Sie, verehrte Frau Schildkröte, aber jetzt kann ich Ihnen nicht mehr ganz folgen.

Frau Schildkröte: Nicht? Aber verehrter Herr Achill: S i e müssten doch am ehesten gespürt haben, was für Batou das Wichtigste ist.

Herr Achill: In diesem Zusammenhang natürlich Gabu.

Frau Schildkröte: Herr Achill! Sie waren es, der diesen Basset soeben als Kompensationsobjekt definiert hat.

Herr Achill: Das ist richtig, aber…

Frau Schildkröte: Und was ist mit der von Ihnen so sehr verehrten Motoku… dem Major?

Herr Achill: Motoku eilt Batou in einer kritischen Situation zu Hilfe, nicht aber in ihrer physischen Gestalt – so, wie er, Batou, seine Angebete gerne wiedersehen möchte.

Frau Schildkröte: Ich glaube, dass Sie den guten Batou etwas unterschätzen, verehrter Herr Achill.

Herr Achill: Wenn Sie meinen, dass ich Batou der platonischen Liebe für unfähig halte, dann ist das ein Trugschluss von Ihnen, verehrte Frau Schildkröte. Aber…

Frau Schildkröte: Kein weiteres Aber, wenn ich bitten darf, verehrter Herr Achill.

Herr Achill: Sie wollen mir das Wort abschneiden, Frau Schildkröte!?

Frau Schildkröte: Keineswegs, lieber Herr Achill. Ich möchte Ihnen nur, wie man so schön sagt, ein wenig auf die Sprünge helfen.

Herr Achill: Nett von Ihnen; nur finde ich es gar nicht amüsant, dass Sie belieben, mir Begriffsstutzigkeit zu unterstellen.

Frau Schildkröte: Das tue ich keineswegs.

Herr Achill: Es scheint aber so.

Frau Schildkröte: Bitte, besinnen wir uns darauf, dass wir hier einen k o n s t r u k t i v e n Diskurs führen wollen!

Herr Achill: Schön, dann besinnen Sie sich, verehrte Frau Schildkröte.

Frau Schildkröte: Ich möchte Ihnen gerne ein Zitat vorlesen, verehrter Herr Achill. Es stammt von Masaki Yamada, und es ist dem Nachwort des Buches „After the Long Goodbye“ entnommen.

Herr Achill: Ich höre.

Frau Schildkröte: ‚The reason why Batou goes into enemy territory isn’t really because he wants to rescue someone, nor is it really because he wants to solve the case. He just wants to meet his angle, Motoku.’… Na, was sagen Sie jetzt?

Herr Achill: Das muss ich allerdings übersehen… oder überlesen haben.

Frau Schildkröte: Mmh.

Herr Achill: Es ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass Batou brav seinen Job macht – und dass Motoku ihn dabei mit ihren übermenschlichen Fähigkeiten tatkräftig unterstützt.

Frau Schildkröte: Nun ja. Batou ist ein Profi, und der Ex-Major ebenfalls. Das wussten wir schon. Ich würde vorschlagen, dieses Thema jetzt ad acta zu legen…. und uns wieder Gabriel zuwenden.

Herr Achill: Die verschwundene Gabu, einverstanden, verehrte Frau Schildkröte.

Frau Schildkröte: Fragen wir uns doch einmal: Was fühlt Batou angesichts dieses Verlustes?

Herr Achill: Das hatten wir bereits, verehrte Frau Schildkröte: Er fühlt sich einsam.

Frau Schildkröte: Einsamkeit generiert Schmerz und Trauer.

Herr Achill: Eine Binsenweisheit. Auf was wollen Sie eigentlich hinaus, verehrte Frau Schildkröte.

Frau Schildkröte: Auf die in Batous Cyborgkörper eingeschlossene Psyche, oder, um es in der Sprache dieser Geschichte zu sagen, den Ghost, Herr Achill. Und…

Herr Achill: Aha, auf die Existenz der Seele. Eine solche besitzt Batou zweifellos.

Frau Schildkröte: Sie setzen Ghost mit Seele gleich? Meinetwegen, wenn Sie diesen etwas antiquierten Begriff bevorzugen, verehrter Herr Achill.

Herr Achill: Das tue ich in der Tat, und ich tue es mit Überzeugung, verehrte Frau Schildkröte… Und nun lassen Sie mich raten.

Frau Schildkröte: Bitteschön, verehrter Herr Achill.

Herr Achill: Aus dem Faktum, dass Batou wegen des Verlustes von Gabu starke seelische Regungen zeigt, leiten Sie folgendes ab: Auch die Bassethündin ist nicht nur keine Maschine, sondern sogar ein beseeltes Wesen.

Frau Schildkröte: Mir sind natürlich die Vorbehalte der Verhaltensforscher bekannt: ‚anthromorphizing the animal’ halten sie für eine Absurdität. Nichtsdestotrotz fahre ich fort. Also: Wenn Batou nur seinen Schlüssel, oder, was weiss ich, seinen Regenschirm verloren hätte, dann würde er sich ärgern. Aber er wäre nicht, ja: tieftraurig.

Herr Achill: Gut. Und nun, verehrte Frau Schildkröte, serviere ich Ihnen, ja, man kann es so benennen: einen dialektischen twist.

Frau Schildkröte: Hahaha, digitale Dialektik, Sie sind ja plötzlich wieder in Hochform, verehrter Herr Achill… Die materialistischen Dialektiker würden aus dem Staunen nicht mehr herauskommen.

Herr Achill: Dann sollen sie eben drinnen steckenbleiben… wie die Marx Brothers in ihrem skurrilen Panoptikum Also: Yasutaka, eine Ausbilderin von Polizeihunden, sagt Batou auf den Kopf zu, dass er eine Seele besitzt.

Frau Schildkröte: Was er mit einer ambivilanten Reaktion quittiert: Mit Skepsis… und mit der Hoffnung, dass Yasutaka recht haben könnte.

Herr Achill: Genau. Aber das Verblüffende daran ist doch Yasutakas Begründung. Hören Sie zu, verehrte Frau Schildkröte: ‚Dogs have souls. Anyone who’s really looked after one knows that. Don’t tell me you actually believe that nonsense about humans being the only ones with souls. The dog wasn’t drawn to your smell. She was drawn to you soul.’

Frau Schildkröte: Also die Tatsache, dass diese Bassethündin ihren Herrn liebt, beweist laut dieser Hundeausbilderin, dass er, Batou, ein beseeltes Wesen ist. Diese ungewöhnliche Schlussfolgerung würde nicht nur materialistische Dogmatiker und Verhaltensforscher auf die Barrikaden steigen lassen

Herr Achill: Nein, beispielsweise auch die amerikanischen Kreationisten.

Frau Schildkröte: Diese Yasutaka hat Glück, dass die Zeit der Hexenverbrennungen längst Geschichte ist… Aber wie steht es mit Ihnen, verehrter Herr Achill: Mögen Sie eigentlich Hunde?

Herr Achill: Nein, ich bevorzuge ein feuriges Ross.

Frau Schildkröte: Aber hoffentlich eines aus Fleisch und Blut – kein hölzernes wie anno dazumal vor den Toren von Troja.

Herr Achill: Und wissen Sie, welche Spezies unter den Tieren ich hasse?

Frau Schildkröte: Ja, natürlich, Schildkröten… aber trotzdem werden Sie in Bälde gerne wieder mit mir diskutieren.

Herr Achill: Und vielleicht auch streiten.

Frau Schildkröte: Ich freue mich darauf.

Herr Achill: Bis dann.

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* „Ghost in the Shell 2 – Innocence“, Regie Mamoru Oshii, 2004.

** „Ghost in the Shell“, Regie Mamoru Oshii, 1995.

*** „After the Long Goodby“, Masaki Yamada, VIZ Media, San Francisco, 2005.

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