(D) Liebeserklärung an einen Major.
Frau Schildkröte: Was meinen Sie, Herr Achill: Würde sich Herr Hegel mit dem Gegenstand unseres heutigen Disputs anfreunden können?*
Herr Achill: Mit Major Motoku Kusanagi…?
Frau Schildkröte: Als Geist wird die absolute Identität zum moralischen Selbstbewusstsein.**
Herr Achill: Schön gesagt, von dem philosophischen Meister des Idealismus aus Deutschland.
Frau Schildkröte: Eben.
Herr Achill: Aber zwischen Hegels ‚Geist’ und dem ‚Ghost in the Shell’, um den es uns heute geht, liegen Welten.
Frau Schildkröte: Welten wohnt die Immanenz inne, sich miteinander zu verbinden.
Herr Achill: Das ist eine, mit allem Respekt, fragwürdige These.
Frau Schildkröte: Oho! Na dann will ich doch gleich noch ein Argument nachlegen.
Herr Achill: Ich bin überzeugt, dass Ihnen dies keine Mühe bereitet… Schwieriger wird es sein, mich vom Argument selbst zu überzeugen.
Frau Schildkröte: Ich bin mir selbst ein Gegenstand der Anschauung und des Denkens.***
Herr Achill: Das ist… lassen Sie mich nachdenken.
Frau Schildkröte: Denken Sie, verehrter Herr Achill, denken Sie!
Herr Achill: —————————————————————————————-
Frau Schildkröte: Ich werde unterdessen nach draussen gehen und mir ein paar Salatblättchen genehmigen.
Herr Achill: Nein, nein, warten Sie: Ich hab’s… Gratuliere, Frau Schildkröte, Sie verschonen selbst den guten alten Immanuel in seinem Königsberger Studierstübchen nicht.
Frau Schildkröte: Kaliningrad. Bitte bemühen Sie sich um ein Mindestmass an politischer Korrektheit, wenn ich bitten darf!
Herr Achill: Wie bitte?
Frau Schildkröte: Die Stadt, in der der grosse Kant dachte und wirkte, heisst heute Kaliningrad.
Herr Achill: Sie trägt jetzt den Namen eines dieser bolschewistischen Funktionäre, das ist nur zu wahr. Aber ich finde es durchaus legitim, den alten Namen dieser Stadt zu verwenden, wenn es, nun ja, um die alten Zeiten geht.
Frau Schildkröte: Auch dazu gäbe es einiges zu bemerken… Aber wir sollten nicht zu lange bei Nebensächlichkeiten verweilen, Herr Achill, sondern zum Kern der Sache kommen.
Herr Achill: Sehr einverstanden, Frau Schildkröte. Beginnen Sie mit den Hauptsächlichkeiten, wenn ich bitten darf.
Frau Schildkröte: Mit ‚Ghost’ wird das Gewissen benannt. Einverstanden, Herr Achill?
Herr Achill: Fast… Und wie wäre es mit Seele?
Frau Schildkröte: Das ist für den Augenblick zu komplex. Bleiben wir also für heute bei Gewissen… Also. Major Motoku Kusanagi, die Polizeibeamtin, die es Ihnen so angetan hat…
Herr Achill: Ich liebe sie!
Frau Schildkröte: Oh mein Gott! Herr Achill wird wieder einmal von einem seiner Gefühlsausbrüche überwältigt. Das kennt man doch, aus Ihrer Biographie…!
Herr Achill:
And is she really human?
She’s just so something new
A waking lithium flower
Just about to bloom
Frau Schildkröte: Beeindruckend, Herr Achill. Nur dass Sie diesen lyrischen Erguss vom unglücklichen Partner Ihrer Angebetenen entliehen haben.
Herr Achill: Frau Schildkröte, Sie sind heute entschieden zu rational.
Frau Schildkröte: Und wenn schon. Weiter im Text: Falls es zutrifft, dass in der in Ihrer Wahrnehmung so attraktiven Cyborghülle… oder Muschel, oder Schale, ganz wie Sie wollen; also wenn in der ‚Shell’ ein Geist existiert, dann muss gemäss dem Helgelschen Diktum diese tapfere Polizistin nicht allein über eine eigene Identität verfügen, sondern auch über ein moralisches Selbstbewusstsein.
Herr Achill: Beauty is within us.
Frau Schildkröte: Noch ein poetischer Höhenflug…
Herr Achill: Aber leider wieder nicht von mir.
Frau Schildkröte: Ich weiss, Herr Achill.
Herr Achill: Darf ich Ihre Schlussfolgerung vorwegnehmen, respektive mit meinen eigenen Worten definieren?
Frau Schildkröte: Nur zu, Herr Achill.
Herr Achill: Danke. Also: Durch ihre heldenhaften Taten, durch ihre Melancholie und Traurigkeit über ihre digitale Existenz, aber auch durch ihr m e n s c h l i c h e s Mitgefühl demonstriert die schöne Motoku auf überzeugende Weise, dass sie über ein moralisches Selbstbewusstsein verfügt… und über eine Seele!
Frau Schildkröte: Woraus sich schliessen lässt, dass der Major den Ansprüchen von Herrn Hegel an ein moralisches Individuum durchaus entspricht.
Herr Achill: So ist es.
Frau Schildkröte: Damit möchte ich unseren Disput für heute beenden, wenn Sie nichts dagegen haben.
Herr Achill: Ich nicht, aber vielleicht verirrt sich gelegentlich ein Kantianer auf diesen Blog…
Frau Schildkröte: Liebe KantianerInnen, ich verspreche Ihnen hiermit, dass wir auf die zitierte These „Ich bin mir selbst ein Gegenstand der Anschauung und des Denkens“ in Kürze zurückkommen und mit einem passenden Exponat der Popkultur von heute konfrontieren werden. Wappnen Sie sich in der Zwischenzeit mit philosophischer Geduld, wenn ich bitten darf.
Herr Achill: Ich bitte ebenfalls darum.
__________________________
* „Ghost in the Shell“, 1995, „Ghost in the Shell 2 – Innocence“, 2004, Regie Mamoru Oshii.
** G.W.F. Hegel „Phänomenologie des Geistes „, Voltmedia, Paderborn, 2005
** Immanuel Kant „Kritik der reinen Vernunft“, Reclam, 1986
