(E) Von Warschau nach Avalon. Und zurück?

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Frau Schildkröte: Haben Sie in Ihrem wahrlich ereignisreichen Leben je Avalon besucht, Herr Achill?

Herr Achill: Nein, nicht nur dass dieser mythische Ort im Nebel verborgen ist und ich die klare Sicht liebe. Er befindet sich überdies im kalten Britannien. Ich habe eher die wärmeren südlichen Gefilde bevorzugt.

Frau Schildkröte: Entschuldigen Sie, verehrter Herr Achill, dass ich Ihre Begründung als reine Ausrede abqualifiziere.

Herr Achill: Sie sind heute in der Wahl Ihrer Worte nicht eben…

Frau Schildkröte: Sie waren einfach nicht in der Lage, die heilige Barke für die Überfahrt nach Avalon zu rufen. Das ist es doch, Herr Achill!

Herr Achill: Und wenn schon. Doch was ist mit Ihnen, haben Sie Avalon irgendwann einen Besuch abgestattet?

Frau Schildkröte: Diese Frage ist nicht fair, Herr Achill.

Herr Achill: Ich nehme sie zurück und nenne Ihnen gerne den wahren Grund für meinen Nichtbesuch von Avalon. Vorausgesetzt, Sie erklären unseren kleinen Streit für beendet.

Frau Schildkröte: Unser kleiner Streit ist beendet. Punktum.

Herr Achill: Was mich wirklich von Avalon ferngehalten hat, sind diese mir suspekten nördlichen Gottheiten, die dort auf- und niederwallen. Igitt! Die sind doch alle mit diesem fürchterlichen Wotan und anderen präfaschistischen Ungöttern verwandt. Finden Sie nicht auch, Frau Schildkröte.

Frau Schildkröte: ‘Ein politisch Lied, ein garstig Lied’, hat der Geheimrat Goethe bemerkt. Ich schliesse mich ihm in diesem Falle an und würde nun gerne auf die Aneignung des Avalon-Stoffes* durch Mamoru Oshii kommen.

Herr Achill: Sehr gerne, Frau Schildkröte, nur ist im Falle dieses Films die Politik ebenfalls im Spiele. Wenn auch nur untergründig, im Subtext sozusagen.

Frau Schildkröte: Eine verblüffende Interpretation, Herr Achill, die Sie näher erklären müssen.

Herr Achill: Das graue, düstere Warschau, die verhuschten Menschen, die klapprige alte Strassenbahn, die offensichtliche Nahrungsmittelknappheit… das scheint mir doch ein getreues Abbild der realsozialistischen Verhältnisse unseligen Angedenkens zu sein. In diesen Kontext gehört natürlich auch, dass Avalon ein verbotenes Spiel ist.

Frau Schildkröte: Dann würde es sich gemäss Ihrer These beim lebendigen, farbigen Warschau des Levels Special A im Avalonfilm um das heutige Konsumparadies des EU-Mitglieds Polen handeln?

Herr Achill: Nnnnein, ganz so einfach ist es nun doch nicht.

Frau Schildkröte: Einfach oder nicht einfach. Ich würde jetzt gerne über die Heldin dieses Films, der sich ja zweifelsohne durch eine irgendwie existenzielle Komponente auszeichnet, also ich würde jetzt gerne über Ash reden wollen.

Herr Achill: Es wäre ausserordentlich nett von Ihnen, mir zu gestatten, meiner Interpretation dieses Avalonfilms ein weiteres, letztes Argument politischen Inhalts hinzuzufügen.

Frau Schildkröte: Tun Sie sich bitte meinetwegen keinen Zwang an, verehrter Herr Achill.

Herr Achill: Erinnern Sie sich an den Beginn des Films, als Panzer durch die mit aufgebrachten Demonstranten gefüllten Strassen rollten? Das wirkte doch wie das Recycling eines Tagesschauberichts aus den Tagen der Solidarnoc.

Frau Schildkröte: Mir sah das eher nach Prag im Jahre 1968 aus. Aber die Frage der Lokalität tut eigentlich nichts zur Sache… Ja, ich muss gestehen: Ihre Interpretation entbehrt nicht einer gewissen Logik.

Herr Achill: Danke für die Blumen.

Frau Schildkröte: Die habe ich Ihnen gerne überreicht. Doch jetzt sollten wir auf Ash zu sprechen kommen.

Herr Achill: Schon wieder ein faszinierendes weibliches Wesen! Unser Disput nimmt eine sehr erfreuliche Wendung, muss ich konstatieren.

Frau Schildkröte: In diesem Falle jedoch ein echtes, nicht in einer Manga-, sondern in menschlicher Gestalt.

Herr Achill: Das tut der Faszination keinen Abbruch; also, selbst wenn dies in Ihren Ohren schon wieder allzu enthusiastisch klingt: Ich liebe die tapfere Ash, die unschlagbare Heldin des Avalonspiels!

Frau Schildkröte: Sie gehen etwas grosszügig bei der Verteilung Ihrer Gefühle um, Herr Achill.

Herr Achill: Das gehört nun einmal zu meinem Wesen. Doch dieses Thema hatten wir bereits…

Frau Schildkröte: In einer Rezension des Films wird Ash als eiskaltes, emotionsloses, nur vom rationalen Verstand determiniertes Wesen charakterisiert.

Herr Achill: Das ich nicht lache. Was sich gewisse Schreiberlinge alles aus den Fingern saugen heutzutage. Ich wünschte mir, dass sich Ash höchstpersönlich dieser Kritikaster annehmen würde.

Frau Schildkröte: Da würde ich Ihnen nicht unbedingt beipflichten. Und Ash selbst würde auf die Lösung einer solchen Aufgabe verzichten.

Herr Achill: Ich habe soeben auf die Uhr geschaut: Unsere Zeit ist fast zu Ende… und das Fragezeichen im Titel unseres heutigen Themas steht noch immer im Raum.

Frau Schildkröte: Wir sind also wieder einmal abgeschweift, vom Kern des Problems. Doch spielt dies eine Rolle? Wir werden doch ohnehin auf Avalon zurückkommen, meinen Sie nicht auch, Herr Achill.

Herr Achill: Bestimmt werden wir das. Nur noch eines: Welche Antwort auf die Frage „Von Warschau nach Avalon. Und zurück?“ haben Sie in petto?

Frau Schildkröte: Das im Film Avalon gespielte Computerspiel ist nichts anderes als ein transzendentaler Prozess.

Herr Achill: Und das Warschau auf Level Special A ist die reale Welt?

Frau Schildkröte: Das Warschau auf Level Special A k ö n n t e die reale Welt sein; ich betone könnte!

Herr Achill: Könnte…?

Frau Schildkröte: Ja, falls wir denn tatsächlich in der Lage wären, eine reale Welt in all ihren Ausformungen überhaupt wahrzunehmen.

Herr Achill: Starker Tobak, um einmal diesen Ausdruck zu gebrauchen.

Frau Schildkröte: Ja, aber ein interessantes Thema.

Herr Achill: Na dann, bis demnächst.

Frau Schildkröte: Adieu Herr Achill, und danke für das interessante Gespräch.

Gerr Achill: Ich habe zu danken, verehrte Frau Schildkröte… Auf Wiedersehen.

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* „Avalon“, Regie: Mamoru Oshii, 2001.

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