(C) Ein kurzweiliges Projekt.

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Frau Schildkröte: Nun denn, beginnen wir also aufs Neue.

Herr Achill: Ich bin bereit, habe mich jedoch nicht speziell auf das von Ihnen vorgeschlagene neue Thema vorbereitet. Ursprünglich wollten wir uns ja…

Frau Schildkröte: … dieser E-Wa in Shanghai widmen. Ich möchte dieses Thema auch keineswegs unterschlagen, verehrter Herr Achill. Mir scheint ohnehin, dass Sie eine besondere Affinität zu Damen haben. Ein Umstand, der mir angesichts Ihrer Biografie nur logisch erscheint.

Herr Achill: Meine Biografie! Da stellt sich sogleich die Frage, ob ich überhaupt über so etwas wie eine eigene Biografie verfüge.

Frau Schildkröte: Wer, wie auch immer, eine eigene Identität entwickelt hat, muss zwangsläufig über eine eigene Biografie verfügen.

Herr Achill: Mit ‚Identität’ führen Sie einen Begriff ein, der sich ganz gut als Einstieg in unser heutiges Thema eignen würde.

Frau Schildkröte: Hätten Sie etwas dagegen, verehrter Herr Achill, noch einen Augenblick bei Ihrer Biografie zu verweilen?

Herr Achill: Natürlich nicht, verehrte Frau Schildkröte… Was über meine Biografie bekannt ist, speist sich aus unterschiedlichen Quellen kontroverser Natur, wie Ihnen bekannt sein dürfte.

Frau Schildkröte: Das ist es in der Tat.

Herr Achill: Gut. Ich habe vorausgesetzt, dass Sie Ihren Euripides* gelesen haben.

Frau Schildkröte: Nicht nur ihn, sondern auch Christa Wolf** zum Beispiel, nicht zu vergessen den ehm… verrückten Hölderlin***, um nur drei aufzuzählen.

Herr Achill: Etwas mehr Respekt vor dem grossen Dichtergenie würde Ihnen gut anstehen, verehrte Frau Schildkröte.

Frau Schildkröte: Entschuldigung.

Herr Achill: Keine Ursache. Aber um auf besagte kontroverse Quellen meiner Biografie zurückzukommen: Sie bilden exakt den Grund, weshalb ich Ihnen widerspreche, wenn Sie mir eine subjektive Identität und eine Biografie zuordnen wollen.

Frau Schildkröte: Wenn ich Sie als Subjekt wahrnehme, was ich selbstverständlich tue, dann erlaube ich mir, auf meinen Standpunkt zu beharren: Der hier und heute mit mir disputierende Herr Achill kann keine Schimäre und kein Phantom sein, weil ich ihn als Gesprächspartner wahrnehme und mit ihm – wieder eines dieser neumodischen Begriffe – interagiere.

Herr Achill: Was Sie tun ist, mit einem Mythos zu disputieren. Mit einem antiken Mythos, dem Sie vermittels des Inhalts unserer Gespräche eine neue, wenn auch verschwindend kleine Façette hinzufügen, die sich nicht durch übermässige Relevanz auszeichnet.

Frau Schildkröte: Die Identität eines Mythos zu besitzen, das stelle ich mir wesentlich interessanter vor, als eine Maschine zu sein.

Herr Achill: Über diese Perspektive muss ich erst nachdenken, wenn Sie erlauben.

Frau Schildkröte: Tun Sie das, verehrter Herr Achill.

Herr Achill: Dann wären Sie also einverstanden, dass wir unseren Disput über Ray Kurzweil ein wenig verschieben?

Frau Schildkröte: Umso mehr, als ich meine Migräne noch nicht ganz überwunden habe.

Herr Achill: Gute Besserung… und auf demnächst.

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*     Euripides „Iphigenie in Aulis“, Reclam, 1986

**    Christa Wolf „Kassandra“, Luchterhand, 2004

***  Friedrich Hölderlin „Sämtliche Gedichte und Hyperion“, Insel, 2001

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