(F) Denkmaschine.

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Herr Achill: Ich denke, also bin ich eine Maschine.

Frau Schildkröte: Dies würde implizieren, dass Sie mit elektrischen Zahnbürsten oder Staubsaugern in einem wenn auch entfernten Verwandtschaftsverhältnis stehen, verehrter Herr Achill.

Herr Achill: Nicht mein eigenes Ich, das sich bekanntlich aus einem Mythos ableitet, aber das der Menschen, ja, in einem, natürlich etwas überspitzten Sinne schon.

Frau Schildkröte: Nun, nehmen wir einmal an, Ihre Bedienstete, die vielleicht an einem Morgen schlechter Laune ist oder eine lange glückliche Nacht hinter sich hat, fährt beim Reinigen Ihres kostbaren Orientteppichs mit dem Staubsauger frontal in den friedlich schlafenden Hauskater. Welche Art von Reaktion würde dies bei ihm auslösen?

Herr Achill: Beim Kater?

Frau Schildkröte: Beim Staubsauger!

Herr Achill: Überhaupt keine natürlich.

Frau Schildkröte: Da haben wir’s.

Herr Achill: Haben wir was?

Frau Schildkröte: Den Beweis, dass Ihre Ergänzung des Dauerbrenners von Monsieur Déscartes* ebenso unklar und damit eigentlich ebenso un-philosophisch ist wie das Original selbst.

Herr Achill: Abgesehen von der eigentlich inakzeptablen Desavouierung eines grossen Philosophen weist Ihre Beweiskette gravierende Lücken auf, verehrte Frau Schildkröte.

Frau Schildkröte: Ich höre.

Herr Achill: Sie reduzieren das Denken auf jenen psychophysiologischen Prozess, der in der Verarbeitung subjektiver Gefühlserlebnisse besteht, die Änderungen der Verhaltensbereitschaft auszulösen in der Lage sind.

Frau Schildkröte: Das Denken wird nun einmal, wenn auch nicht nur, von Emotionen bestimmt.

Herr Achill: Hahhaa! Ihre Einschränkung spricht Bände, liebe Frau Schildkröte.

Frau Schildkröte: Ich habe Ihnen einen guten Rat zu unterbreiten, verehrter Herr Achill.

Herr Achill: Und der lautet wie?

Frau Schildkröte: Fühlen Sie sich nicht bereits jetzt auf eine derart arrogante Weise siegessicher, mein Lieber.

Herr Achill: Heute laufen Sie mir nicht davon wie damals an jenem Anlass, meine Liebe!

Frau Schildkröte: Damit sollten wir das perfekte Funktionieren unserer eigenen Emotionen genügend ausgereizt haben, meinen Sie nicht auch?

Herr Achill: Heisst dies, Ihre Absichten laufen darauf hinaus, Gefühle rational erörtern zu wollen?

Frau Schildkröte: Vergessen Sie die Maschinen nicht, verehrter Herr Achill.

Herr Achill: Das tue ich keineswegs, verehrte Frau Schildkröte… Darf ich Ihnen eine kleine Geschichte erzählen?

Frau Schildkröte: Ich mag Geschichten , verehrter Herr Achill.

Herr Achill: Schön… Also: Ein gewisser Mister Holden, der einen Apparat bedient, den man mit Emotionen-Registrator bezeichnen könnte und der den eigenartigen Namen Voight-Kampff trägt, stellt seinem Gegenüber, einem gewissen Mister Leon, eine Frage über ein, verzeihen Sie, Exemplar Ihrer Spezies.

Frau Schildkröte: Ja, ja, die Schildkröte in der Wüste, das arme Tier, hilflos auf dem Rücken liegend und der Glut der Sonne ausgesetzt .

Herr Achill: Tut mir leid, ich…

Frau Schildkröte: Muss es nicht, verehrter Herr Achill, muss es gar nicht. Mich stört eher, dass Sie mir offenbar eine gehörige Portion Ignoranz unterstellen… Ich habe mir selbstverständlich den Film Blade Runner** ebenfalls angesehen.

Herr Achill: Hätte ich eigentlich voraussetzen müssen.

Frau Schildkröte: Ja, und diese Schildkröte spielt dort nur eine marginale Rolle, sie kommt gar nicht wirklich vor: Sie ist nur das Subjekt einer Fangfrage, die zur Entlarvung eines Replikanten führen soll und dies schlussendlich ja auch tut.

Herr Achill: Doch eben deshalb ist ja diese Frage so zentral.

Frau Schildkröte: War es das, worauf Sie mit Ihrer kleinen Geschichte hinauswollten, verehrter Herr Achill?

Herr Achill: Nein, ich wollte einen Vergleich anstellen, der zwar – wie alle Vergleiche – ein wenig hinkt, aber trotzdem meine These von der nichts fühlenden Denkmaschine unterstützt.

Frau Schildkröte: Einen Vergleich?

Herr Achill: Ja, zwischen Herrn Leon und dem Staubsauger.

Frau Schildkröte: Und Sie glauben, dass Ihnen dies gelungen ist?

Herr Achill: Sie nicht?

Frau Schildkröte: Bedaure, Herr Achill.

Herr Achill: ‘Watcha mean, I’m not helping’, antwortet Mister Leon seinen Inquisitor, als dieser ihn fragt, warum das so ist, warum Mister Leon der armen Schildkröte nicht wieder auf die Beine hilft.

Frau Schildkröte: Ja, ist mir bekannt… Und, verehrter Herr Achill?

Herr Achill: Und, fragen Sie? Das ist doch der Beweis für die Abwesenheit menschlich-emotionaler Regungen im Gehirn des Mister Leon, das ist doch seine Entlarvung als Replikant!

Frau Schildkröte: Defizitätes Empathiepotenzial. Das würde nicht einmal dann als schlüssiger Beweis für Ihre These durchgehen, wenn der Film an dieser Stelle zu Ende wäre und später keine Rachael und kein Roy auftreten würden.

Herr Achill: Sie belieben, vom Thema abzuschweifen, verehrte Frau Schildkröte. Mir ging es nicht um die upgedateten, komplexen Replikanten, die Sie jetzt nennen. Mir ging es ausschliesslich um Mister Leon.

Frau Schildkröte: Bleiben wir also bei Mister Leon. Frage: Warum brennt denn dieser feine Herr dem armen Mister Holden mit seiner Laserwaffe ein Loch in den Bauch?

Herr Achill: Ist doch ganz logisch: Weil er flüchten muss und sich nicht aufhalten lassen will.

Frau Schildkröte: Mir scheint aber, dass dieser Replikant eindeutige Zeichen von Angst erkennen lässt; übrigens bereits vorher: als seine Unterlippe zu zittern begann.

Herr Achill: Ich halte das für etwas anderes: Für einen Beweis, dass die seiner Festplatte einprogrammierte Selbsterhaltungs-Software tadellos funktioniert.

Frau Schildkröte: Ohne neuronale Verknüpfungen mit Emotionen generierenden Software-Komponenten?

Frau Achill: Das nehme ich an.

Frau Schildkröte: Er nimmt es an, der gute Herr Achill. Er nimmt es an… Ich fürchte, dass Sie mich heute wieder nicht einholen werden, mein armer Freund.

Herr Achill: Ich muss mich geschlagen geben, werde mich aber für unseren nächsten Disput mit besseren Argumenten wappnen.

Frau Schildkröte: Ein schöner Vorsatz, verehrter Herr Achill. Also dann: Bis demnächst mit besseren Argumenten.

Herr Achill: Auf Wiedersehen, Frau Schildkröte.

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* René Descartes: „Bericht über die Methode. Discours de la méthode“. Reclam, 2001.

** „Blade Runner“, 1982, Regie: Ridley Scott. Literarische Vorlage: Philipp K. Dick: „Blade Runner“ (Träumen Androiden von elektrischen Schafen?), Heyne TB, 2002.

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