(G) Ein kurzweiliges Projekt (2).
Frau Schildkröte: Möchten Sie unsterblich sein, Herr Achill?
Herr Achill: Das wäre in der Tat eine verlockende Perspektive.
Frau Schildkröte: Nun, als mythische Gestalt, die durch die Werke zahlloser Poeten und anderer Textproduzenten am Leben gehalten wird, besitzen Sie bereits den Status der Unsterblichkeit.
Herr Achill: Ja, aber…
Frau Schildkröte: Aber tatsächlich sind Sie, durch Ihre halbmenschliche Herkunft bedingt, schon lange tot.
Herr Achill: So ist es.
Frau Schildkröte: Und Sie sind mit Ihrem Status nicht unzufrieden, habe ich Recht?
Herr Achill: Meine Existenzform als mythische Figur besitzt durchaus Vorzüge. Zum Beispiel ist es mir vergönnt, mit Ihnen einen interessanten Disput führen zu können. Das kann nicht jeder Tote.
Frau Schildkröte: Das kann auch nicht jeder Lebende.
Herr Achill: Da muss ich Ihnen Recht geben.
Frau Schildkröte: Aber nun mehren sich, wie Sie auch bereits registriert haben werden, verehrter Herr Achill, also nun mehren sich die Anzeichen dafür, dass gewisse Menschen den Status der Unsterblichkeit nicht allein anstreben, sondern sogar daran glauben.
Herr Achill: Glaube kann Berge versetzen.
Frau Schildkröte: Berge vielleicht, weil es sich dabei um tote Materie handelt.
Herr Achill: Im streng physikalischen Sinne wäre Silizium ebenfalls der Kategorie tote Materie zuzuordnen.
Frau Schildkröte: Exakt. Und genau da beginnt doch das Dilemma… Ist Ihnen übrigens der Begriff TSIN geläufig?
Herr Achill: Selbstredend. Dieses Plakat, das Herr Kurzweil mit stolzgeschwellter Brust, aber merkwürdig verlegenem Ausdruck im Gesicht präsentiert, sagt doch deutlich aus, um was es geht.
Frau Schildkröte: Ein Wissenschaftler als Sandwichman. Eine etwas seltsam anmutende Manifestation.
Herr Achill: Nun ja, das dürfte die grandiose Idee eines PR-Mannes sein… Aber was meinen Sie konkret mit dem Beginn des Dilemmas, verehrte Frau Schildkröte?
Frau Schildkröte: Dass intelligente Maschinen irgendwann im 21. Jahrhundert die Menschen hinsichtlich der Rechenleistung überholen werden, wie Kurzweil in seinem Buch „Homo S@piens“* behauptet hat, diese These möchte ich vorläufig einmal unkommentiert stehen lassen.
Herr Achill: Vorläufig finde ich akzeptabel.
Frau Schildkröte: Aber dass diese supergescheiten Rechner auch eine höhere Bewusstseinstufe als der homo sapiens erreichen sollen, da beginnt für mich so etwas wie ein Kurzweil’sches Unglaubwürdigkeits-Dilemma.
Herr Achill: Einmal mehr starke Worte aus Ihrem Munde, verehrte Frau Schildkröte.
Frau Schildkröte: Wissen Sie, was mich in diesem Buche besonders amüsiert hat?
Herr Achill: Die Idee von einem sogenannten Designerkörper vielleicht?
Frau Schildkröte: Nein, der Begriff Mind File. Der klingt ja nun wirklich…
Herr Achill: … wie die Bezeichnung eines Product Releases aus dem Hause Microsoft.
Frau Schildkröte: So ist es… Doch zurück zum Thema: Diesen Ausfluss eines rein mechanistischen Weltbildes finde ich den Gipfel der Naivität.
Herr Achill: Warum nicht gleich der Ignoranz?
Frau Schildkröte: Das Wesen eines Menschen, seine ganze Persönlichkeit ganz einfach als Mind File auf eine Festplatte laden… und warten, bis neue Hardware zur Verfügung steht…
Herr Achill: Nun, offenbar hat Herr Kurzweil das Warten schon wieder aufgegeben.
Frau Schildkröte: Ja, und beglückt die Menschheit mit einer upgedateten Unsterblichkeits-These. ‚Die Fusion von biologischen Denkprozessen mit nichtbiologischer Intelligenz, die wir schaffen, steht unmittelbar bevor’, behauptet er in seinem Buch „The Singularity is Near“**.
Herr Achill: Auf eine so radikale Weise möchte ich diese neue Theorie nicht abtun. Sie wissen, dass Kurzweil mit einem Mediziner zusammenwirkt?
Frau Schildkröte: Da fällt mir doch gleich der berühmte Doktor Mabuse ein.
Herr Achill: Aber Frau Schildkröte! Fehlt nur noch, dass Sie den Dr. Mengele ins Spiel bringen!
Frau Schildkröte: Sie kommen der Grenze der politischen Korrektheit gefährlich nahe, verehrter Herr Achill!
Herr Achill: Verzeihen Sie, verehrte Frau Schildkröte, wenn ich Ihre letzte Äusserung unter die Kategorie Projektionen einreihe.
Frau Schildkröte: Wieder einmal streitsüchtig, mein Herr?
Herr Achill: Nein, nein, ganz im Gegenteil. Mir liegt viel an einem konstruktiven Dialog.
Frau Schildkröte: Nun gut, dann blenden wir doch diese biologischen Implikationen für heute aus und wenden uns einem anderen Aspekt zu. Haben Sie einen Vorschlag auf Lager, Herr Achill?
Herr Achill: Vielleicht wieder einmal ein Paradoxon?
Frau Schildkröte: Interessant! Ich höre.
Herr Achill: Die Menschen träumen davon, Maschinen zu werden… und die Maschinen ihrereits wünschen sich nichts sehnlicher, als menschliche Wesen mit menschlichen Gefühlen und Emotionen zu werden.
Frau Schildkröte: Wie Ihre geliebte Motoku aus ‚Ghost in the Shell’ beispielsweise, Herr Achill.
Herr Achill: Ich gehe noch einen Schritt weiter: Die beiden, eigentlich antagonistischen Parteien: sie träumen nicht nur davon, sondern sie handeln auch.
Frau Schildkröte: Wenn sie nur träumen würden, wüssten wir nichts davon….
Herr Achill: … und uns käme der Diskussionsstoff abhanden.
Frau Schildkröte: Das halte ich für ein brauchbares Schlusswort… Ich würde also vorschlagen, dieses kurzweilige Thema für heute abzuschliessen.
Herr Achill: Aber ich nehme doch an, dass wir darauf zurückkommen werden, verehrte Frau Schildkröte.
Frau Schildkröte: Zweifelsohne.
Herr Achill: Bis demnächst, verehrte Frau Schildkröte.
Frau Schildkröte: Bis demnächst, und gehaben Sie sich wohl in ihrer mythischen Existenz, lieber Herr Achill.
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* Ray Kurzweil, „Homo S@piens – The Age of Spiritual Machines“, Penguin Books, 2000.
** Ray Kurzweil, „The Singularity is near“, Penguin Books, 2006.
