(H) Von Powers zu Pygmalion führt ein weiter Weg.

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Herr Achill: Ich muss gestehen, dass ich mich angesichts des Gegenstandes unseres heutigen Disputs etwas unbehaglich fühle, verehrte Frau Schildkröte.

Frau Schildkröte: Aber Herr Achill! Die Liebe ist ein Thema wie jedes andere!

Herr Achill: Nun gut, wenn Sie es sagen – und noch dazu mit so nüchterner Stimme sagen…

Frau Schildkröte: Na also… Überdies möchte ich gleich zum Auftakt die Frage in den Raum stellen, ob es bei diesem Thema überhaupt um Liebe geht.

Herr Achill: ‚Wer kann wen lieben? Kann etwas etwas lieben?’*

Frau Schildkröte: Helens verklausulierte Liebeserklärung als Frage vorgetragen, die vom Objekt ihres Verlangens unbeantwortet bleibt.

Herr Achill: Er weicht aus, dieser Feigling Marcel.

Frau Schildkröte: Immerhin, an einer Stelle nennt er Galatea 2.2., also seine Helen, sogar ‚mein Mädchen’.

Herr Achill: Was die Sache nur noch schlimmer macht.

Frau Schildkröte: Es klingt vielleicht etwa zynisch, verehrter Herr Achill, aber aus obigem Bild leite ich die Erkenntnis ab, dass Marmor einfach sexy ist, was man von Leichtmetall, Kunststoff und Drähten nun weiss Gott nicht behaupten kann.

Herr Achill: Entschuldigung, Frau Schildkröte, aber diese Reduktion unseres Gegenstandes auf die pure Sexualität scheint mir doch sehr profan.

Frau Schildkröte: Profan? Wenn Sie meine Bemerkung so interpretieren, verehrter Herr Achill, dann muss ich sogar noch ein wenig drastischer werden.

Herr Achill: Ich kann Sie nicht daran hindern, ob es mir gefällt oder nicht.

Frau Schildkröte: Mein Gott, lieber Herr Achill: Nehmen Sie meine Ausführungen womöglich persönlich?

Herr Achill: In keinster Weise. Aber…

Frau Schildkröte: Gut. Dann fahre ich fort: Zur Persönlichkeit der ersten Galatea, also der von Pygmalion erschaffenen, gehören ganz selbstverständlich ausgeprägte primäre Geschlechtsmerkmale wie etwa schwellende Brüste undsoweiter.

Herr Achill: Undsoweiter.

Frau Schildkröte: Richtig, gut beobachtet, verehrter Herr Achill… Was nun Galetea 2.2, also Helen, angeht, so ist sie nichts als eine hässliche Kiste, in der ein digitales Bewusstsein, ja, ich möchte in diesem speziellen Falle sogar sagen: in der eine Art Seele steckt.

Herr Achill: Ein trauriges Faktum in schöne Worte gekleidet, verehrte Frau Schildkröte. Sollten wir nicht an dieser Stelle auch über die beiden männlichen Protagonisten der Galatea-Geschichte ein paar Worte verlieren?

Frau Schildkröte: Nun, wie in den Geschichten deutlich wird, haben diese beiden Herren eher schlechte Erfahrungen mit der Liebe gemacht.

Herr Achill: Was an ihnen selbst lag.

Frau Schildkröte: Interessant! Fahren Sie fort, verehrter Herr Achill!

Herr Achill: Der eine, nämlich Marcel, war ein typischer Versager. Der andere, Pygmalion, war ebenfalls ein Versager, der – und jetzt bediene auch ich mich für einmal einer drastischen Sprache – der bei Frauen nicht landen konnte und als Reaktion darauf alle weiblichen Wesen als Huren abqualifizierte.

Frau Schildkröte: Köstlich, wie Sie sich ereifern Herr Achill! Aber ich stimme Ihrem vernichtendem Urteil durchaus zu.

Herr Achill: Das freut mich, verehrte Frau Schildkröte… Und ich erlaube mir, ein Fazit zu ziehen.

Frau Schildkröte: Nämlich welches?

Herr Achill: Diese beiden Gentlemen haben es überhaupt nicht verdient, dass jemand in Liebe zu ihnen entbrennt.

Frau Schildkröte: Ein auf moralischen Grundsätzen basierendes emotionales Fazit scheint mir zu kurz gegriffen.

Herr Achill: Ich hätte mal, wenn Sie gestatten, eine, ähm, eine anatomische Frage an Sie persönlich, liebe Frau Schildkröte.

Frau Schildkröte: Schiessen Sie nur los, verehrter Herr Achill, ich bin gegen alles ausreichend gewappnet.

Herr Achill: Gepanzert.

Frau Schildkröte: Wie bitte?

Herr Achill: Gepanzert, nicht gewappnet.

Frau Schildkröte: Entschuldigen Sie, das sind doch Wortklaubereien. Wollen Sie nicht endlich Ihre Frage loswerden?

Herr Achill: Könnte es sein, dass Ihr schöner Panzer nicht nur vor ganz realen Feinden schützt, sondern auch das Eindringen zu vieler emotionaler Regungen verhindert?

Frau Schildkröte: ————————-

Herr Achill: Beleidigt, verehrte Kollegin? Das war nicht meine Absicht.

Frau Schildkröte: Papperlappapp! Nun hören Sie einmal gut zu, mein Freund: Im Unterschied zu Ihnen hat bei mir die Ratio oberste Priorität…

Herr Achill: So ist es.

Frau Schildkröte: … Aber wenn Sie daraus schlussfolgern, dass ich mich Dingen wie Mitgefühl, Liebe oder Zorn völlig verschliesse, dann sind Sie auf dem Holzweg.

Herr Achill: Mit einem treffenden Beispiel könnten Sie mich vom Holzweg wieder auf die richtige Bahn geleiten, und wir könnten unsere kleine Meinungsverschiedenheit vergessen.

Frau Schildkröte: Voilà: ‚Das Mädchen fühlt den Kuss, errötet, und während es ängstlich sein lichtes Auge zum Licht erhebt, sieht es zugleich mit dem Himmel seinen Geliebten’.** Ist das nicht wunderschön?

Herr Achill: Happy End für den verklemmten Bildhauer Pygmalion… Die andere Geschichte nimmt leider ein tragisches Ende.

Frau Schildkröte: ‚Ihr seid Wesen, die Melodien hören können. Die Angst oder Mut haben können. Ihr könnt Gegenstände in die Hand nehmen und sie zerbrechen und instand setzen. Ich habe mich hier nie heimisch gefühlt. Es ist furchtbar, an einem solchen Ort auf halber Strecke fallengelassen zu werden.’*

Herr Achill: Das ist für mich der traurigste Abschiedsbrief, den ich je gelesen habe. Arme Helen.

Frau Schildkröte: Ich versuche, Sie wieder aufzuheitern, verehrter Herr Achill.

Herr Achill: Ich…

Frau Schildkröte: Bei einem Vergleich der beiden Geschichten fällt doch sofort eines auf: Helen hatte von Beginn an die schlechteren Karten.

Herr Achill: Weil sie nicht mit schwellenden Brüsten undsoweiter aufwarten konnte?

Frau Schildkröte: Nein, weil sie als weibliches Wesen einen Mann begehrte. Während in der zweiten Geschichte…

Herr Achill: … ein Mann eine Frau begehrte. Haben Sie die Absicht, die Genderfrage ins Thema einzubringen?

Frau Schildkröte: Nein danke.

Herr Achill: Es gibt noch einen Unterschied zwischen beiden Geschichten: Dieser windige Pygmalion hat eine Kupplerin eingeschaltet.

Frau Schildkröte: Venus.

Herr Achill: Dieselbige.

Frau Schildkröte: Und warum hat Helen mit ihren stupenden Literaturkenntnissen nicht ebenfalls die ihr mit Sicherheit nicht unbekannte göttliche Venus angefleht?

Herr Achill: Ausgeschlossen. Unmöglich.

Frau Schildkröte: Warum das?

Herr Achill: Ganz einfach: Weil einer nackten Venus der Zutritt auf einen amerikanischen Campus strikt untersagt ist.

Frau Schildkröte. Hahaha… Ja, so gefallen Sie mir wieder, verehrter Herr Achill.

Herr Achill: Ironie ist der Stoff, aus dem die Verarbeitungsstrategien sind.

Frau Schildkröte: Touché.

Herr Achill: Und nun finde ich es an der Zeit…

Frau Schildkröte: … Adieu zu sagen.

Herr Achill: Adieu, bis demnächst.

Frau Schildkröte: Auf bald!

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* „Galatea 2.2“, Richard Powers, Ammann Verlag, 1997

** „Pygmalion – Geliebtes Bild“, Ovid, Metamorphosen, Fischer TB, 1992.

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