(I) Meine Mutter war ein Computer.

compi.jpg

Herr Achill: Ich darf mich wirklich glücklich schätzen, als Mutter eine Nymphe aus dem Meere mein eigen nennen zu dürfen.

Frau Schildkröte: Schön, schön, verehrter Herr Achill, aber was veranlasst Sie zu dieser Bemerkung, die ja nur am Rande mit unserem heutigen Thema zu tun hat?

Herr Achill: Und, einmal angenommen, Ihre Mutter wäre eine Wasserschildkröte gewesen, dann könnten wir vielleicht…

Frau Schildkröte: Ich bitte Sie, was soll das?!

Herr Achill: Keine Aufregung, verehrte Diskussionspartnerin. Mir sind nur einige Assoziationen zum Thema Mutterschaft durch den Kopf geschossen.

Frau Schildkröte: Da ermangelte es denjenigen, die diese Schüsse abgefeuert haben, aber an einer speziellen Munition… Oder sie wollten, aus welchen Gründen auch immer vermeiden, dass Ihre Assoziationen auch in eine andere, eine post-ödipale Richtung gehen…

Herr Achill: Oho, mein spezieller Freund, der Oedipus!

Frau Schildkröte: Bitte, Herr Achill! …In eine Richtung nämlich, der Katherine Hayles in jenem klugen Buch* erläutert, das wir uns heute vorgenommen haben.

Herr Achill: Sie sprechen den Angriff auf Mutter Natur an?

Frau Schildkröte: Allzu pointierte Formulierungen haben gelegentlich die schlechte Eigenschaft, zu inkorrekten Schlussfolgerungen zu verleiten.

Herr Achill: Uff. Also gut: Ich meine natürlich die Ausführungen dieser Autorin über die Ablösung von Mutter Natur durch den Universal Computer.

Frau Schildkröte: ‚Just as Mother Nature was seen in past centuries as the source of both human behavior and physical reality, so now the Universal Computer is envisioned as the Motherboard of us all’.

Herr Achill: ‚is envisioned’ bedeutet aber nun überhaupt nicht, dass Katherine Hayles sich diese These zu eigen macht. Sie wird von ihr als Trend – oder sollte man sagen, als Hype? – registriert und diskutiert…

Frau Schildkröte: Exakt, verehrter Herr Achill. Katherine Hayles geht ja nun sogar noch einen Schritt weiter und unternimmt den löblichen Versuch, eine Art Antithese zu formulieren… Aber den von Ihnen benutzten Begriff Hype würde ich tunlichst vermeiden. Dafür scheint mir die Angelegenheit zu existenziell.

Herr Achill: … und jenes ‚of us all’ in der von Ihnen zitierten Sentenz – davon würde ich, Achill, mich unbedingt ausnehmen wollen.

Frau Schildkröte: Das ist Ihnen unbenommen, verehrter Herr Achill.

Herr Achill: Im Grunde geht es doch einmal mehr um die im Nebel der Unsicherheiten verborgene Zukunft der menschlichen Spezies – und darum, in wieweit diese von der rasanten Weiterentwicklung der Informationstechnologien tangiert werden wird… oder werden könnte.

Frau Schildkröte: Ja, ja, wenn man die Diskurse gewisser wissenschaftlicher Schulen verfolgt, könnte man tatsächlich meinen, die Bio-Macht geriete allmählich ins Wanken.

Herr Achill: Damit hatte der geschätzte Michel Foucault** wohl kaum gerechnet.

Frau Schildkröte: Kaum.

Herr Achill: Vielleicht, weil die Mutter des Philosophen kein Computer war?

Frau Schildkröte: Da einen Zusammenhang konstruieren zu wollen, finde ich im eher negativen Sinne als sehr kurios, verehrter Herr Achill. Und, nebenbei bemerkt, ist mir über die Verwandtschaftsverhältnisse des Herrn Foucault nichts bekannt.

Herr Achill: Katherine Hayles hingegen hielt es für notwendig, ausdrücklich zu betonen, dass ihre Mutter k e i n Computer war.

Frau Schildkröte: Was Sie selbst angeht, verehrter Herr Achill, so hätten Sie es nicht nötig, diese Sachlage speziell zu betonen.

Herr Achill: Ich muss doch sehr bitten, verehrte Frau Schildkröte.

Frau Schildkröte: Um was wollen Sie mich denn bitten, mein Herr?

Herr Achill: Dass Sie sich blasphemischer Andeutungen lieber enthalten sollten, meine Dame!

Frau Schildkröte: Aber verehrter Herr Achill…

Herr Achill: Meine Mutter Thetis auch nur im Entferntesten mit einer… Buchhalterin in Verbindung bringen zu wollen – damit überschreiten Sie meine Toleranzgrenze, Frau Schildkröte!

Frau Schildkröte: Das war nicht meine Absicht. Ich hatte allerdings auch angenommen, dass Ihre Grenzanlagen nicht so massiv befestigt sind, verehrter Herr Achill.

Herr Achill: Nun gut, vergessen wir das.

Frau Schildkröte: Einverstanden, lieber Herr Achill, einverstanden… Nur noch ein Wort zur Erklärung: Ich muss gestehen, dass ich mit der von Ihnen als blasphemisch apostrophierten Bemerkung ein bisschen unsere Autorin nachahmen wollte. Zugegeben, ein dummes Unterfangen.

Herr Achill: Meines Wissens hat sich Katherine Hayles in diesem Werk nicht auf antike Mythen berufen.

Frau Schildkröte: Natürlich nicht, verehrter Herr Achill. Aber sie hat mit ihrem Buchtitel auf raffinierte Art einen semantischen Schock konstruiert.

Herr Achill: Ach darauf wollen Sie hinaus… Die Übertragung menschlicher Arbeit auf die Maschinen – die Computer genannt werden, wie anno dazumal im englischen Sprachraum jene Heerscharen fleissiger Fräuleins betitelt wurden, die Rechenaufgaben lösen mussten.

Frau Schildkröte: Das ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist ein veritabler Angriff auf die Positionen eines Hans Moravec, Ray Kurzweil und Konsorten.

Herr Achill: Die betreffende Kampfansage ist zu treffend, um an dieser Stelle nicht wortwörtlich zitiert zu werden.

Frau Schildkröte: ‚The semantic shock the sentence is likely to give us today is rooted not only in the shift from human to machine labor,..

Herr Achill: … but also in the feeling that a kinship category essential to human society has been violated.’… womit die Autorin natürlich die so genannte postbiologische Zukunft anspricht.

Frau Schildkröte: Ja, lieber Herr Achill, genau so ist es. Und wissen Sie was? Es ist doch irgendwie bezeichnend, dass Katherine Hayles nicht der Zunft der Philosophen angehört, sondern Professorin für Literatur ist.

Herr Achill: Falls Sie damit zu einer grundsätzlichen Kritik an der Philosophie ansetzen wollten, müsste ich Ihnen entschieden widersprechen, verehrte Frau Schildkröte.

Frau Schildkröte: Das brauchen Sie nicht, lieber Herr Achill, weil meine Bemerkung keineswegs in diese Richtung zielte.

Herr Achill: Schön… aber ich hätte noch ein kleines Problem, was unseren Diskurs an sich betrifft.

Frau Schildkröte: Ein Problem?

Herr Achill: Wir haben heute zum ersten Male englische Zitate in unser Gespräch eingeflochten.

Frau Schildkröte: Und, wo sehen Sie das Problem?

Herr Achill: Nun ja, vielleicht…

Frau Schildkröte: Falls sich jemand an englischen Text stören würde, könnte er uns dies ja in Form eines Kommentars mitteilen.

Herr Achill: Ja, gut, das wäre eine Möglichkeit.

Frau Schildkröte: Oder er könnte sich die betreffenden Passagen vom Computer übersetzen lassen.

Herr Achill: Das meinen Sie nicht ernst, verehrte Frau Schildkröte! Sie wissen ja um die Qualität solcher Übersetzungen…

Frau Schildkröte: War auch nicht ganz ernst gemeint… passt aber zum Thema intelligente Maschinen.

Herr Achill: Apropos Thema.

Frau Schildkröte: Ja?

Herr Achill: Wir sind nicht sehr weit gekommen, mit unseren Reflexionen über „My Mother was a Computer“.

Frau Schildkröte: Nein, wir sind erst am Anfang.

Herr Achill: Was bedeutet, dass es noch einige Fortsetzungen geben wird.

Frau Schildkröte: In der Tat – wobei ich mir die Konfrontation der Thesen unserer Autorin mit anderen Denkmustern besonders spannend vorstelle.

Herr Achill: Ich ebenfalls.

Frau Schildkröte: Nun dann, bis demnächst.

Herr Achill: Bis demnächst.

_____________________________________________

* „My Mother was a Computer – Digital Subjects and Literary Texts“, N. Katherine Hayles, The University of Chicago Press, 2005.

** „Der Wille zum Wissen“, Michel Foucault, Suhrkamp, 1983.

Eine Antwort schreiben