(K) Das Leben ist ein Spiel.

apfel.jpg
Frau Schildkröte: Ich würde gerne einmal mehr unseren Disput mit einer hypothetischen Frage beginnen, verehrter Herr Achill.

Herr Achill: Einmal mehr.

Frau Schildkröte: Genau… Angenommen, Sie würden in einen Menschen verwandelt und hätten die Wahl zwischen drei Städten, in denen Sie leben könnten.

Herr Achill: Mmh. Meine Existenz als Mensch würde also bereits mit einer Einschränkung beginnen.

Frau Schildkröte: Das ist normal, bei der Gattung homo sapiens. Wer in Kinshasa geboren ist, wäre vielleicht auch lieber in Brüssel zur Welt gekommen. Zum Beispiel.

Herr Achill: Zum Beispiel… Welches Städte-Trio hätten Sie denn anzubieten, verehrte Frau Schildkröte?

Frau Schildkröte: Athen und Lissabon und…

Herr Achill: Und?

Frau Schildkröte: Olympus.

Herr Achill: Da fällt die Wahl allerdings nicht schwer.

Frau Schildkröte: Nicht wahr? Sie würden sich natürlich für Athen entscheiden.

Herr Achill: Ganz und gar nicht, verehrte Frau Schildkröte: Ich würde lieber ein Olympier sein, ‚embedded’ in der fiktiven Zukunft dieser sehr unterhaltsamen “Appleseed“*-Geschichte, über die wir heute ein wenig palavern wollen.

Frau Schildkröte: Das überrascht mich aber. Sie haben dieses megalopolitanische Gebilde natürlich selbst inspiziert?

Herr Achill: Von aussen gewissermassen – indem ich mir eben „Appleseed“ angeschaut habe, in dem Olympus eine tragende Rolle spielt

Frau Schildkröte: Nun, von aussen betrachtet macht diese Stadt ja auch einen recht sauberen und friedlichen Eindruck. Architektonisch ein wenig langweilig, muss ich hinzufügen. Gespickt mit diesen in meinen Augen lächerlichen phallischen Türmen, die sooo viel Potenz manifestieren sollen, doch in Tat und Wahrheit recht fragil sind, wie wir alle seit einigen Jahren wissen… Doch das wäre ein anderes Thema.

Herr Achill: Zweifelsohne.

Frau Schildkröte: Irgendwie hat dieses Olympus etwas mit Singapore gemein… Aber dass es in dieser Stadt, die ebenfalls ein Stadtstaat ist, unter der Oberfläche mächtig brodelt, dürfte Ihnen wohl kaum entgangen sein, verehrter Herr Achill.

Herr Achill: Nein, ist es nicht, verehrte Frau Schildkröte, denn stellen Sie sich vor: Ich habe gut aufgepasst!

Frau Schildkröte: Und nun würden Sie, verehrter Herr Achill, wenn Ihnen die Möglichkeit einer menschlichen Existenz angeboten würde, nicht mehr aussen vor bleiben, wie es so schön heisst, sondern sich schnurstracks in diese Stadt Olympus begeben?

Herr Achill: In der Tat, verehrte Frau Schildkröte… und exakt deshalb, weil es dort, wie Sie sich ausdrücken, unter der Oberfläche mächtig brodelt.

Frau Schildkröte. Aha!

Herr Achill: Wie darf ich Ihr etwas provokantes ‚aha’ interpretieren, verehrte Frau Schildkröte?

Frau Schildkröte: Nun, ich mutmasse einmal, dass Sie dieser glutäugigen Deunan gerne zu Hilfe eilen würden – vordergründig, um die menschliche Spezies zu retten, aber in erster Linie doch wohl, um dieser bildschönen Heldin näher zu kommen, die in ihrer Attraktivität selbst Ihren Schwarm Motoku aus „Ghost in the Shell“ noch übertrifft.

Herr Achill: Tja, auch kluge Schildkröten können irren: Sie liegen mit Ihrer Mutmassung völlig falsch!

Frau Schildkröte: Davon müssen Sie mich erst einmal überzeugen, verehrter Herr Achill.

Herr Achill. Das tue ich doch gern, verehrte Frau Schildkröte. Allerdings bedingt dies, dass ich vorab die Geschichte von ‚Appleseed’ kurz skizzieren muss.

Frau Schildkröte: Tun Sie sich keinen Zwang an, verehrter Herr Achill. Notfalls werde ich jedoch bei Ihrer Repetition der Geschichte korrigierend eingreifen, falls das nötig wird.

Herr Achill: Das ist Ihnen unbenommen, verehrte kritische Frau Schildkröte.

Frau Schildkröte: Sie geben sich tolerant heute, verehrter Herr Achill, das freut mich.

Herr Achill: Tut es das? Sehr schön… Doch nun zur Geschichte: Anno 2123, die Welt liegt bereits in Trümmern, doch irgendwo dort draussen, in einer apokalyptischen Ruinenstadt, ist der Krieg noch nicht zu Ende, und die Elite-Kriegerin Deunan kämpft erfolgreich gegen eine Übermacht monsterartiger Gegner.

Frau Schildkröte: Einspruch!

Herr Achill: Einspruch stattgegeben.

Frau Schildkröte: Angesichts Ihrer unüberhörbaren Sympathie für diese Deunan ist es nachvollziehbar, dass Sie deren kämpferische Leistungen etwas verklären, verehrter Herr Achill. Doch die Realität in der Geschichte sieht anders aus: Deunan stand kurz vor ihrer Eliminierung, als…

Herr Achill: … als sich die Rettung in Gestalt einer futuristischen Flugmaschine vom Himmel senkte, in diesem armageddonähnlichem Setting landete und Deunan aus der Schusslinie entfernte, ja, ich weiss. Aber Sie können nicht abstreiten, verehrte Frau Schildkröte, dass sich Deunan trotzdem als tapfere Amazone bewährt hat.

Frau Schildkröte. Nein, verehrter Herr Achill, das tue ich natürlich nicht. Umso weniger, als sie im weiteren Verlauf der Geschichte immer wieder ihren Kampfesmut und – was ich ebenfalls hervorheben möchte – ihre Intelligenz beweist.

Herr Achill: Nicht zu vergessen ihre moralische Stärke.

Frau Schildkröte: Schön gesagt… aber fahren Sie doch mit Ihrer Repetition fort, verehrter Herr Achill.

Herr Achill: Gern. Also die Besatzung besagter Flugmaschine rettet die in Kalamitäten steckende Deunan nicht aus reiner Nächstenliebe, sondern…

Frau Schildkröte: … die hübsche Kleine steht auf der Rekrutierungsliste einer mächtigen Gruppe in Olympus: sie soll in die ESWAT-Truppe integriert werden, einer Sondereinheit der Polizei von Olympus.

Herr Achill: Das ist nur zur Hälfte korrekt. Der wahre Grund ist die Formel für „Appleseed“. Doch davon später… Deunan kommt also in diesem Utopia namens Olympia an, wo auf den ersten Blick alles – um wieder einmal eine populäre Redewendung zu bemühen – nach Friede, Freude, Eierkuchen riecht.

Frau Schildröte: Es stinkt eher, als dass es riecht.

Herr Achill: Auch gut, wenn Sie es so zuspitzen wollen, verehrte Frau Schildkröte: Es stinkt, signalisieren nicht nur die Riechorgane der hübschen Kleinen, wie Sie Deunan zu nennen belieben… und es stinkt deshalb, weil Olympus nicht funktioniert, was ja bei utopischen Entwürfen geradezu Tradition hat.

Frau Schildkröte: Und dann taucht Deunans verflossener Liebhaber auf.

Herr Achill: Ich darf doch bitten, verehrte Frau Schildkröte. Dieser Briareos ist nicht einmal mehr ein Schatten seiner selbst. Nur noch ein eisernes Ungetüm mit weichem Kern, ein armer Cyborg halt.

Frau Schildkröte: Was sich für Annäherungsversuche eines, sagen wir einmal potenziellen neuen Verehrers der schönen Deunan doch ausgesprochen günstig auswirken könnte.

Herr Achill: Ich würde es begrüssen, wenn wir die essentiellen Inhalte der Geschichte herausarbeiten könnten. Sonst kommen wir ja nie auf den Punkt.

Frau Schildkröte: Was auch immer Ihrer Meinung gemäss dieser Punkt ist, verehrter Herr Achill.

Herr Achill: Nur Geduld, verehrte Frau Schildkröte, nur Geduld. Also: Zur Situation in Futuretown Olympus: Die Überlebenden des grossen Krieges bilden, zusammen mit den sogenannten Bioriden, die Bevölkerung von Olympus, wobei es sich bei letzteren um genmodifizierte Wesen handelt – um eine Art Kunstmenschen.

Frau Schildkröte: Sie sollten vielleicht hinzufügen, dass diese beiden Spezies etwa je zur Hälfte die Bevölkerung von Olympus stellen.

Herr Achill: Danke für Ihren konstruktiven Einwand, verehrte Frau Schildkröte.

Frau Schildkröte: Bitte, verehrter Herr Achill.

Herr Achill: Und nun zu den politischen Verhältnissen in Olympus, die sich mit einem einzigen Satz skizzieren lassen: Die Bioriden haben die Macht, und die Menschen sind die Unterdrückten.

Frau Schildkröte: Einspruch!

Herr Achill: Einspruch abgelehnt… Es ist mir klar, worauf Sie hinauswollen, verehrte Frau Schildkröte: Sie möchten meine Aussage bezüglich der Machtverhältnisse mit dem Argument relativieren, dass sich die Armee in Olympus aus Menschen zusammensetzt.

Frau Schildkröte: Eine sehr schlagkräftige Truppe, verehrter Herr Achill; mit einem Heereschef an der Spitze, der sich wie ein Militärdiktator gebärdet. Und übrigens: Auch das Parlament von Olympus setzt sich aus menschlichen Abgeordneten zusammen.

Herr Achill: Nun ja, wie ich es beobachtet habe, verharren diese Parlamentarier meist schön brav und ruhig auf ihren Plätzen. Es könnte sich fast um die russische Duma handeln, wenn Sie diesen Vergleich erlauben. Aber: Die wahre Macht liegt beim Rat der 7 Ältesten, die mit dem Supercomputer GAIA interagieren, der das Ganze steuert.

Frau Schildkröte: Und plötzlich stellt sich ein existenzielles Problem.

Herr Achill: So ist es: Den Bioriden sind durch dunkle Machenschaften ihre Regenerations- und Fortpflanzungsmöglichkeiten abhanden gekommen – und die Menschen scheinen die Oberhand zu gewinnen.

Frau Schildkröte: Dann tritt unsere tapfere Soldatin in Aktion, und die Situation spitzt sich dramatisch zu.

Herr Achill: In der Tat. Deunan ermöglicht durch Herausgabe der Appleseed-Formula den Bioriden das Überleben, und, um die Sache kurz zu machen und endlich auf den Punkt zu kommen: Die Spezies homo sapiens , die sich ebenfalls tödlichen Gefahren ausgesetzt sah, kann auch weiter existieren, und der Status quo vom Anfang der Geschichte ist wieder hergestellt.

Frau Schildkröte: Friede, Freude, Eierkuchen.

Herr Achill: Ja, und genau das passt mir überhaupt nicht.

Frau Schildkröte: Aha, und deshalb würden Sie sich gerne einmischen, verehrter Herr Achill.

Herr Achill: Mit dem grössten Vergnügen, verehrte Frau Schildkröte.

Frau Schildkröte: Tell me, tell me, is life just a playground?, heisst es irgendwo im Soundtrack von Appleseed.

Herr Achill: Das Fragezeichen könnte man weglassen: Das Leben  i s t  nur ein Spiel, und mein erster Spielzug in Olympus wäre die Vernichtung der Appleseed-Formula.

Frau Schildkröte: Sie würden die hübsche Kleine besiegen wollen?

Herr Achill: Ach Deunan!… Ja, ich glaube, das könnte ich schaffen; es gäbe da andere Strategien als diejenigen, die diese Militär-Holzköpfe des Olympus-Heeres praktiziert haben.

Frau Schildkröte: Und warum das Ganze?

Herr Achill: Die Menschen sollen selber sehen, wie sie sich arrangieren, und wenn sie in diesem Spiel nicht ohne irgendwelche Jokers wie etwa Bioriden auskommen, haben sie ohnehin ihre Existenzberechtigung verspielt.

Frau Schildkröte: Hiermit revidiere ich meine hypothetische Frage vom Beginn des heutigen Disputs: Ich streiche Olympus und Athen von der Städteliste und verpflanze Sie nach Lissabon, da können Sie zusammen mit Herrn Pessoa traurige Fados über das Spiel des Lebens singen.

Herr Achill: Eine ausgezeichnete Idee.

Frau Schildkröte: Schön, dass Sie mir zustimmen.

Herr Achill: Umso lieber, als ja Fernando Pessoa in der gleichen Richtung denkt. Allerdings wesentlich radikaler.

Frau Schildkröte: Hätten Sie vielleicht ein Beispiel auf Lager?

Herr Achill: „Mit der Aussenwelt verhält es sich wie mit einem Schauspieler auf der Bühne: Er ist etwas anderes, als er darstellt.“**

Frau Schildkröte: Mmh. Daraus liesse sich ableiten, dass nicht allein das Leben ein Spiel ist, sondern auch die Bühne, auf  der es inszeniert wird.

Herr Achill: Ja, und wer dabei Regie führt und wer der Autor ist – das wird den Menschen für ewig verborgen bleiben.

Frau Schildkröte: So ist es. Es sei denn… Aber lassen wir es für heute dabei bewenden.

Herr Achill: Gerne, verehrte Frau Schildkröte, sehr gerne.

Frau Schildkröte: Müde, mein verehrter Freund?

Herr Achill: Ein wenig, muss ich gestehen.

Frau Schildkröte: Dann machen wir für heute Schluss und sammeln Kräfte für den nächsten Disput.

Herr Achill: Sehr gerne…Auf Wiedersehen, und bis bald.

Frau Schildkröte: Bis bald.

____________________________________

* „Appleseed“,Anime-Film, Regie Aramaki Shinji, 2004.
**  „Das Buch der Unruhe“, Fernando Pessoa, Ammann Verlag, 2006.

Eine Antwort schreiben