(L) Marvin Minskys Existenzen wollen ewig leben.
Herr Achill: Darf ich unseren heutigen Disput mit einer Frage beginnen, verehrte Frau Schildkröte.
Frau Schildkröte: Sie dürfen.
Herr Achill: Schön. Wie sollte ein vernunftbegabtes Wesen reagieren, wenn sich ihm ein böser Mensch in den Weg stellt, verehrte Frau Schildkröte?
Frau Schildkröte: Es sollte natürlich versuchen zu ergründen, warum dieser Mensch böse ist und ob sich sein Zorn gegen ihn richtet. Das heisst, es sollte sich bemühen, mit ihm zu kommunizieren.
Herr Achill: Falls der Mensch nicht dialogbereit ist, dann kann aus dieser Verhaltensweise im schlimmsten Fall der Tod des vernunftbegabten Wesens resultieren.
Frau Schildkröte: Dieses Risiko würden Sie natürlich nicht eingehen, verehrter Herr Achill.
Herr Achill: Nein, das liegt nicht in meiner Natur. Bösewichte gehören nun einmal eliminiert, verehrte Frau Schildkröte.
Frau Schildkröte: Ja das sieht Ihnen ähnlich, verehrter Herr Achill: Sie ziehen Ihr Schwert und schlagen dem Kerl den Kopf ab.
Herr Achill: Nun ganz so einfach ist das nicht, falls er ebenfalls bewaffnet ist und sich als ein starker Gegner erweist.
Frau Schildkröte: Keine falsche Bescheidenheit bitte, verehrter Herr Achill.
Herr Achill: Verbindlichsten Dank für Ihr Kompliment, verehrte Frau Schildkröte, auch wenn es verschlüsselt formuliert ist. Darf ich zu meiner nächsten Frage kommen?
Frau Schildkröte: Nein.
Herr Achill: Und warum nicht?
Frau Schildkröte: Weil ich bereits weiss, wie Ihre Frage lauten wird, nämlich: Wie sollte sich ein vernunftbegabtes Wesen gegenüber einem bösen Computer verhalten?
Herr Achill: Das ist allerdings richtig. Also formuliere ich eine andere Frage, wenn Sie gestatten: Wie sollte sich ein vernünftiger Computer verhalten, wenn er von einem bösen Computer bedrängt wird?
Frau Schildkröte: Sie wiederholen sich, verehrter Herr Achill, denn: Falls Herr Minsky recht hat, sind die beiden Kontrahenten selbst Computer – das vernunftbegabte Wesen ebenso wie der Bösewicht.
Herr Achill: Entschuldigen Sie, Frau Schildkröte, aber diese Antwort ist mir zu unpräzis.
Frau Schildkröte: Ach! Und weshalb?
Herr Achill: Nun, weil sich die heutigen Computer noch jenseits von Gut und Böse befinden. Es besteht auf diesem Gebiet gemäss Herrn Minsky noch viel Handlungsbedarf seitens der Wissenschaft.
Frau Schildkröte: Sehr viel Handlungsbedarf… Aber warum strapazieren Sie überhaupt diese beiden emotionalen Begriffe über alle Massen, verehrter Herr Achill?
Herr Achill: Ein Interview mit Herrn Minsky* in der Technology Review hat mich dazu angeregt: Der Journalist, ein Herr Roush, fragt darin den MIT-Professor, ob Computer böse werden sollen.
Frau Schildkröte: Und Herr Minsky hat diese Frage vermutlich bejaht.
Herr Achill: Das hat er in der Tat: Wenn sich ihm, also dem Computer, eine Person in den Weg stellt, muss man ihr womöglich Angst einjagen. Stellt Herr Minsky fest
Frau Schildkröte: Das klingt nach miserabel komponierter Zukunftsmusik.
Herr Achill: Ein vernichtendes Urteil, das ich für überzogen halte, verehrte Frau Schildkröte.
Frau Schildkröte: Zugegeben, lieber Herr Achill. Aber ich bin nun einmal ebenfalls nicht ganz frei von Emotionen…
Herr Achill: Ja, wer ist das schon, egal, ob er Mensch, Tier oder Computer der Zukunft ist.
Frau Schildkröte: Einspruch, verehrter Herr Achill: Diese Geschöpfe – oder soll man sagen Konstruktionen? – werden laut Minsky nicht mehr Computer und auch nicht Roboter heissen.
Herr Achill: Mind Children.
Frau Schildkröte: Eine hübsche Bezeichnung, finden Sie nicht auch, verehrter Herr Achill? Kinder menschlichen Geistes, Verstandes, Gemüts, menschlicher Seele… und allem, was sonst noch so dazugehört.
Herr Achill: Ich kann nicht umhin, den MIT-Professor ein wenig zu bedauern, verehrte Frau Schildkröte.
Frau Schildkröte: Das erstaunt mich aber, verehrter Herr Achill. Ich meinerseits verhalte mich da neutral. Ich hege für Herrn Minskys Person keinerlei Gefühle.
Herr Achill: Also ich weiss nicht, aber ich glaube, Motoku aus „Ghost in the Shell“ oder „Galatea 2.2“ zum Beispiel, diese beiden hätten für die Theorien des Professors nur ein spöttisches Grinsen übrig.
Frau Schildkröte: Jetzt bringen Sie mich in die, ehrlich gesagt unbequeme Lage, Marvin Minsky verteidigen zu müssen. Verehrter Herr Achill: Sie sind ungerecht!
Herr Achill: Entschuldigung, verehrte Frau Schildkröte, aber das sehe ich anders.
Frau Schildkröte: Und wie, wenn ich fragen darf?
Herr Achill: Nach meiner Auffassung existiert kein Unterschied grundsätzlicher Natur zwischen Wissenschaft und Fiktion. Ob ein grosses philosophisches Denkgebäude oder ein grosses Romankunstwerk – beides entstammt den Köpfen von menschlichen Wesen, die sich bekanntlich irren können. Nur sind letztere, nämlich die Künstler, eben oft inspirativer…
Frau Schildkröte: Das ist allerdings ein verblüffender Denkansatz, den ich mir sofort zu eigen mache…. Verehrter Herr Achill: Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter.
Herr Achill: Nur zu, verehrte Frau Schildkröte, nur zu!
Frau Schildkröte: Die Wissenschaft ist selbst Fiktion.
Herr Achill: … und vice versa.
Frau Schildkröte: Exakt.
Herr Achill: Wollten wir uns heute nicht dieses letzten Buches von Herrn Minsky annehmen: „The Emotion Machine“**, verehrte Frau Schildkröte.
Frau Schildkröte: Ich würde vorschlagen, dieses Thema aufzuschieben, wenn Sie einverstanden sind, verehrter Herr Achill. Umso mehr, als wir die daselbst behandelten Thesen heute bereits gestreift haben.
Herr Achill: Ich bin einverstanden. Um noch einmal auf diese Mind Children zurückzukommen.
Frau Schildkröte: Ja, lieber Herr Achill?
Herr Achill: Die erinnern mich irgendwie an Herrn Kurzweil.
Frau Schildkröte: Ja, und sie werden ewig leben.
Herr Achill: So Gott will…!
Frau Schildkröte: Schön gesagt, obwohl es in diesem Kontext nach Ironie schmeckt.
Herr Achill: Das war nicht beabsichtigt, verehrte Frau Schildkröte.
Frau Schildkröte: Nun denn, wie auch immer… bis demnächst.
Herr Achill: Bis demnächst.
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* „Die Maschine muss fühlen lernen“, Wade Roush, Technology Review, Juli 06.
** „The Emotion Machine“, Marvin Minsky, Simon and Schuster, 2006.
