(M) Eine mehrköpfige Echse vor Platos Höhle.
Frau Schildkröte: Beginnen wir doch den Einstieg in unser heutiges Thema mit einer Fragestellung. Einverstanden, verehrter Herr Achill?
Herr Achill: Warum auch nicht?
Frau Schildkröte: Haben Sie schon einmal ein Tier mit mehreren Köpfen gesehen?
Herr Achill: So etwas wie ein mehrköpfiges Tier existiert nicht.
Frau Schildkröte: Entschuldigung, verehrter Herr Achill, ich habe Sie nicht nach der möglichen Existenz eines mehrköpfigen Tieres gefragt. Ich habe gefragt, ob Sie schon einmal ein solches Tier gesehen haben.
Herr Achill: Nein, habe ich nicht… das heisst: doch!
Frau Schildkröte: Könnten Sie Ihre Antwort vielleicht etwas konkreter formulieren, verehrter Herr Achill?
Herr Achill: Das wollte ich gerade tun, verehrte Frau Schildkröte.
Frau Schildkröte: Entschuldigung!
Herr Achill: Also: Nein, ich selbst habe noch kein Tier mit mehreren Köpfen gesehen; hingegen ja, ich habe mit den Augen von Allegra und Ted in dem Film „eXistenZ“* bereits einmal ein Tier mit mehreren Köpfen gesehen. Genauer gesagt: eine Art Echse.
Frau Schildkröte: Ein ekelhaftes kleines Viech, wenn Sie diesen Ausdruck gestatten, verehrter Herr Achill.
Herr Achill: Ja, wie aus einem Alptraum von Goya oder Füssli.
Frau Schildkröte: Die beiden Protagonisten, also Allegra und Ted, zeigen jedoch bei diesem Anblick keinerlei Regung. Was können wir daraus schliessen, verehrter Herr Achill?
Herr Achill: Was w i r aus der Gleichgültigkeit der beiden dieser Abstrusität gegenüber schliessen werden, das kann ich jetzt noch nicht sagen, verehrte Frau Schildkröte.
Frau Schildkröte: Und Sie selbst?
Herr Achill: Vielleicht wäre es nützlich, vorher kurz die Ausgangslage dieser Situation zu rekapitulieren.
Frau Schildkröte: Eine konstruktive Idee. Soll ich das übernehmen?
Herr Achill: Ich bitte darum.
Frau Schildkröte: Allegra Geller, gefeierte Designerin von Computerspielen, testet mit einer ausgewählten Zielgruppe in einer Kirche ihre neueste Kreation: ‚eXistenZ’.
Herr Achill: In einer Kirche: hört, hört!
Frau Schildkröte: Kurz nach Beginn des Testspiels schiesst ein Fanatiker mit einer bizarren organischen Waffe auf Allegra und verletzt sie.
Herr Achill: … und beschädigt überdies ihre Spielkonsole, die ebenfalls aus organischem Material besteht – und in der sich die einzige Kopie des Spiels ‚eXistenZ’ befindet.
Frau Schildkröte: Exakt. Danach flüchtet Allegra gemeinsam mit einem Marketingassistenten der Spielefirma, Ted Pikul, in einem Auto. Übrigens: Ted besitzt zu diesem Zeitpunkt keine dieser, pod genannten organischen Spielkonsolen. Später machen die beiden aus Gründen, auf die ich hier nicht näher eingehen will, Halt an einer Tankstelle, und…
Herr Achill: Auftritt des kleinen mehrköpfigen Echsen-Untiers.
Frau Schildkröte: Richtig. Und nun: Ihre Einschätzung der Situation bitte, verehrter Herr Achill!
Herr Achill: Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass Ted zu diesem Zeitpunkt nicht an eine Spielkonsole angeschlossen und Allegras Konsole nicht funktionstüchtig war, resultiert die folgende Erkenntnis: Das ekelhafte Viech, wie Sie es benannt haben, ist den beiden Protagonisten in der Realität erschienen.
Frau Schildkröte: In der Realität.
Herr Achill: Ja, verehrte Frau Schildkröte, in der Realität unserer Welt.
Frau Schildkröte: Alegra und Ted halten also das für wahr, was sie wahrnehmen, verehrter Herr Achill. Stimmen Sie mir in diesem Punkte zu?
Herr Achill: Selbstverständlich… Und da die beiden auf diese ihre Wahrnehmung nicht mit Befremden, Angst oder Ekel, sondern vielmehr mit Gleichgültigkeit reagieren, ist die Präsenz dieses Untiers für sie ein völlig normales Phänomen.
Frau Schildkröte: Um mit Plato zu sprechen: Für Allegra und Ted ist also das Seiende dasjenige, was sie sehen.
Herr Achill: Unbedingt. Auch wenn es statt vorüberziehender Schatten eine mehrköpfige Echse ist.
Frau Schildkröte: Ich würde es interessant finden, diese Schnittstelle zwischen Platos Höhle und eXistenZ noch etwas näher zu beleuchten, verehrter Herr Achill.
Herr Achill: Nur zu, verehrte Frau Schildkröte.
Frau Schildkröte: Einem dieser platonischen Höhlenbewohner gelingt es, sich von seinen Fesseln zu befreien. Er kommt ans Tageslicht… und erleidet einen Schock.
Herr Achill: Ja, so kann man es definieren. Der arme Mann – war es überhaupt ein Mann? – wird mit der Realität der Welt konfrontiert.
Frau Schildkröte: Aber er glaubt nicht daran. Für ihn ist das Gewohnte das Wahre.
Herr Achill: Die Schattenwelt. Dann jedoch…
Frau Schildkröte: … kommt die Erkenntnis. Aber vielleicht sollten wir Platos Geschichte nicht zu sehr strapazieren.
Herr Achill: Sondern?
Frau Schildkröte: Einen Vergleich der Situation des befreiten Höhlenbewohners mit unseren beiden Existenzlern Allegra und Ted anstellen.
Herr Achill: Allmählich wird mir klar, auf was Sie hinauswollen, verehrte Frau Schildkröte.
Frau Schildkröte: Das habe ich mir fast gedacht, verehrter Herr Achill.
Herr Achill: Es geht Ihnen um die Existenz der Realität selbst.
Frau Schildkröte: Mmh. Also der Höhlenbewohner hält vor seiner Erleuchtung die Schattenwelt für die Realität. Für Allegra und Ted ist während ihrer Flucht das real, was sie umgibt, was sie wahrnehmen.
Herr Achill: Beispielsweise eine mehrköpfige Echse.
Frau Schildkröte: Exakt… Aber eine Welt, in der ein solches Tier existiert, k a n n nicht die reale Welt sein.
Herr Achill: So, wie Platos Schattenwelt nicht die reale Welt sein kann.
Frau Schildkröte: Richtig. Der Höhlenbewohner hat sein Erleuchtungserlebnis. Und Allegra und Ted, die haben eXistenZ.
Herr Achill: Ein bizarres Computerspiel als Quelle der Erleuchtung? Aber verehrte Frau Schildkröte…!
Frau Schildkröte: Nomen est omen.
Herr Achill: Das ist eine Hypothese.
Frau Schildkröte: Natürlich. Mehr kann es ja auch nicht sein. Oder haben Sie eine überzeugende Idee auf Lager, die zur Entschlüsselung der Existenz von Lebewesen in der Realität beitragen kann?
Herr Achill: Dazu müsste man zuerst den Begriff Realität selbst näher untersuchen.
Frau Schildkröte: Das wäre für heute zu aufwendig.
Herr Achill: In der Tat: v i e l zu aufwendig.
Frau Schildkröte: Schön, ja dann…
Herr Achill: Ja dann: bis demnächst, verehrte Frau Schildkröte.
Frau Schildkröte: Bis demnächst, verehrter Herr Achill – in der Realität unseres verqueren Diskurses.
Herr Achill: Daselbst… als irgendwie doch recht fragwürdige Existenzen.
Frau Schildkröte: Ach, da fällt mir noch etwas ein: dieses obige Bild mit den an ihre Konsolen angeschlossenen Allegra und Ted.
Herr Achill: Ja?
Frau Schildkröte: Erinnert Sie das nicht an die gefesselten Leute in besagter Höhle, verehrter Herr Achill?
Herr Achill: Das muss ich verneinen. Die beiden Körper liegen doch sehr entspannt auf ihrem bequemen Bett.
Frau Schildkröte: Die Körper, ja, aber…
Herr Achill: Bitte kein Aber mehr, verehrte Frau Schildkröte. Für heute habe ich genug.
Frau Schildkröte: Nun, das kann ich durchaus verstehen.
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* „eXistenZ, Regie David Cronenberg, 1999.
** „Der Staat“ (Politea), Reclam, 1982, siebtes Buch: Platos Höhlengleichnis.
