(N) Las Meninas revisited

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Herr Achill: Gelegentlich überfällt mich die seltsame Vorstellung, dass ein Abbild meiner selbst in der Welt präsent ist, dass es mir aber nicht möglich ist und niemals möglich sein wird, dieses mein Abbild mit eigenen Augen genau zu betrachten.

Frau Schildkröte: Diese Vorstellung würde ich nicht a priori für seltsam halten, wenn sich ein normaler Mensch davon überwältigen liesse. In Ihrem speziellen Falle jedoch, verehrter Herr Achill, bin ich doch sehr skeptisch…

Herr Achill: Um allfällige Missverständnisse auszuschliessen: Wir disputieren heute über ‚Las Meninas’*.

Frau Schildkröte: Wie vorgesehen.

Herr Achill: Gut. Aus welchen Gründen speist sich denn Ihre Skepsis in Bezug auf meine Person in dem erwähnten Zusammenhang, verehrte Frau Schildkröte?

Frau Schildkröte: Sie sind, verehrter Herr Achill, bekanntlich kein menschliches Wesen, sondern ein antiker Mythos, der es geschafft hat, bis heute zu überleben; der einfach nicht totzukriegen ist, um es einmal populär zu formulieren.

Herr Achill: Sehr populär – aber treffend, das muss ich schon sagen.

Frau Schildkröte: Schön, und nachdem wir diesen Punkt abgehakt haben, zurück zu dem von Ihnen erwähnten, nicht einsehbaren Abbild in der Welt.

Herr Achill: Bitte sehr, verehrte Frau Schildkröte.

Frau Schildkröte: Nun, abgesehen davon, dass ein nur in der Imagination existenter Mythos kein lebendiges Modell für einen Künstler abgeben kann, finde ich Ihre Vorstellung ganz generell betrachtet nicht sehr originell, wenn Sie erlauben.

Herr Achill: Und welche mich überzeugen sollende Begründung haben Sie dafür parat, wenn ich fragen darf?

Frau Schildkröte: Die Idee einer virtuellen Präsenz in besagtem Gemälde ist alles andere als neu.

Herr Achill: So?

Frau Schildkröte: Michel Foucault** hat bereits vor Jahren für jeden, der lesen und seinen Gedanken folgen kann, die Position des Malers Diego Velasquez vis-à-vis des Betrachters von ‚Las Meninas’ ziemlich treffend definiert. Ich zitiere: „Er fixiert einen unsichtbaren Punkt, den wir Betrachter aber leicht bestimmen können, weil wir selbst dieser Punkt sind: unser Körper, unser Gesicht, unsere Augen.“ Ende des Zitats.

Herr Achill: Wenn Sie mir die Bemerkung erlauben: Ich gehöre durchaus zu denjenigen, die lesen und den Gedanken von Michel Foucault folgen können… und ich kenne natürlich auch das Kapitel „Die Hoffräulein“ in dem erwähnten Werk.

Frau Schildkröte: Entschuldigung, verehrter Herr Achill, aber umso mehr muss es erstaunen, dass Sie sich diesen alten Hut aufsetzen.

Herr Achill: Wie bitte?

Frau Schildkröte: Nun ja, ‚alter Hut’ ist ein etwas verunglückter Ausdruck, den Sie bitte nicht für bare Münze nehmen wollen, verehrter Herr Achill, aber…

Herr Achill: Ich würde es begrüssen, wenn Sie die Freundlichkeit aufbringen könnten, mir endlich zu erklären, wovon Sie überhaupt reden, verehrte Frau Schildkröte.

Frau Schildkröte: Aber Herr Achill! Von diesem Foucaultschen Punkt natürlich… und von der etwas naiv-romantischen Idee, was daraus entstehen könnte.

Herr Achill: Ich muss fast annehmen, dass Sie mir etwas unterstellen, verehrte Frau Schildkröte.

Frau Schildkröte: Ich glaube nicht, dass Ihre Annahme zutrifft.

Herr Achill: Dann muss ich eben konkreter werden, also: Gemäss dieser Hypothese fixiert Diego Velasquez den Betrachter von ‚Las Meninas’, zückt seinen Pinsel und verewigt ihn, den Betrachter, auf der Leinwand seiner Staffelei, von der unglücklicherweise nur die Rückseite sichtbar ist. Richtig?

Frau Schildkröte: Richtig.

Herr Achill: Aber da es mir – wie übrigens auch Ihnen! – aus bekannten Gründen unmöglich ist, in voller Lebensgrösse in den Madrider Prado oder ins Velasquez’sche Atelier zu gelangen, können wir dem Künstler auch nicht Modell stehen oder jemals gestanden haben. Richtig?

Frau Schildkröte: Ja, aber…

Herr Achill: Also ist Ihre Annahme, ich persönlich würde die Vorstellung hegen, dem grossen Meister Modell gestanden und auf dieser Leinwand verewigt worden zu sein, vollkommen absurd.

Frau Schildkröte: Das sind harte Worte, verehrter Herr Achill, aber…

Herr Achill: Dass sich phantasiebegabte Menschen der schönen Vorstellung hingeben, von Diego Velasquez auf dieser uneinsehbaren Leinwand verewigt worden zu sein, ist ja nachvollziehbar und irgendwie fast poetisch.

Frau Schildkröte: Sie haben es fertig gebracht, mich zu verwirren, verehrter Herr Achill.

Herr Achill: Das war nicht meine Absicht; mir lag allein daran, die Sachlage zu klären, verehrte Frau Schildkröte.

Frau Schildkröte: Und, wie stellt sich diese Sachlage nun dar, verehrter, in Rätseln sprechender Herr Achill?

Herr Achill: Dass Sie einem erheblichen Irrtum erlegen sind, verehrte Frau Schildkröte!

Frau Schildkröte: Aber Herr Achill! Sie waren es doch, der eingangs unseres heutigen Disputs die Möglichkeit eines Abbilds Ihrer selbst im Gemälde ‚Las Meninas’ evoziert haben…

Herr Achill: … einer bildlichen Darstellung meiner Person, die sich leider einer genauen Anschauung verschliesst: ja, das ist korrekt.

Frau Schildkröte: Entschuldigung, verehrter Herr Achill, aber jetzt verstehe ich überhaupt nichts mehr.

Herr Achill: Ja, ja, in diesem Gemälde sind viele Rätsel versteckt, und zahlreiche Interpreten haben sich bei ihren Versuchen seiner Entschlüsselung bereits die Zähne ausgebissen. Eine russische Autorin*** zum Beispiel hält die Vermutung für zutreffend, die Leinwand enthalte das ‚wahre’ Gemälde ‚Las Meninas’. Mmh, halte ich für nicht ganz überzeugend… Apropos: Ist Ihnen auch eine Lacan’sche Deutung**** dieses Gemäldes geläufig, verehrte Frau Schildkröte?

Frau Schildkröte: Sie meinen die These von der sogenannten Urphantasie?

Herr Achill: Unter anderen, ja.

Frau Schildkröte: Nach dieser Lesart sieht sich der Betrachter des Gemäldes im Spiegelbild des Königspaars mit seiner elterlichen Herkunft wie mit seiner individuellen Sexualität konfrontiert.

Herr Achill: Möchten Sie, dass wir bei dieser These verweilen, verehrte Frau Schildkröte?

Frau Schildkröte: Nein danke, eigentlich nicht… Ich hege überdies einen ganz bestimmten Verdacht…

Herr Achill: Ach, tatsächlich?

Frau Schildkröte: Dass Sie nämlich ein Verwirrspiel mit mir betreiben, was zwar zum Thema ‚Las meninas’ passt, uns aber leider keinen Schritt weiterbringt.

Herr Achill: Es liegt nicht in meiner Absicht, Sie zu verwirren, verehrte Frau Schildkröte.

Frau Schildkröte: Nun, dann möchte ich Sie jetzt nachdrücklich bitten, auf die ungelöste Frage Ihrer eventuellen Präsenz in diesem vertrackten Bild zurückzukommen!

Herr Achill: Wenn dieses niedliche kleine Rokoko-Prinzessschen, die Infantin Margarita, ihren Blondkopf wenden würde… oder wenn dieser Ausbund an Hässlichkeit, die Zwergin Mari Barbola, anstatt mich frech anzuglotzen, ihre Aufmerksamkeit der den Raum abschliessenden Wand zuwenden würde, dann…

Frau Schildkröte: Endlich geht mir ein Licht auf! Verehrter Herr Achill, Sie sind heute unmöglich.

Herr Achill: Finden Sie?

Frau Schildkröte: Ja, das tue ich… Ihre Vermutung bezieht sich auf die beiden Gemälde, die undeutlich im Hintergrund des Studios von Diego Velasquez zu sehen sind.

Herr Achill: In der Tat, auf die Bilder im Bild ‚Las Meninas’, von denen Michel Foucault sagt, sie seien “fahle Flecken an der Grenze zu einer tiefen Nacht“.

Frau Schildkröte: Dabei handelt es sich um Gemälde, die gemäss dem Biografen des Künstlers, Antonio Palomino, von Rubens stammen sollen und Geschichten aus Ovids Metamorphosen zeigen.

Herr Achill: Das ist korrekt.

Frau Schildkröte: Und Sie, verehrter Herr Achill, der ja zu den stolzen Protagonisten in Ovids Metamorphosen gehört, glauben nun, auf einem dieser Gemälde verewigt worden zu sein.

Herr Achill: Entschuldigen Sie bitte, aber das muss ich richtigstellen: Ich glaube nicht, auf einem jener fahlen Flecken präsent zu sein, ich ziehe nur die Möglichkeit in Betracht, dass ich in diesem Gemälde präsent sein könnte.

Frau Schildkröte: Da kann ich Ihnen allerdings nicht widersprechen: Ihre These hat etwas für sich…

Herr Achill: Das freut mich, verehrte Frau Schildkröte. Verbindlichsten Dank.

Frau Schildkröte: Aber…

Herr Achill: Aber?

Frau Schildkröte: Mit der Realität hat diese Ihre These trotz allem nicht viel gemein: Es geht doch ausschliesslich um virtuelle Abbilder der Wahrheit – um Malerei!

Herr Achill: Wo befindet sich die Realität, wo die Virtualität – im Gemälde, oder vor dem Gemälde, verehrte Frau Schildkröte? „Es ist Wahrheit, nicht Malerei“, hat Antonio Palomino um 1680 zu ‚Las Meninas’ bemerkt… und damit eine Interpretation abgeliefert, die alle nachfolgenden Deutungen bei weitem übertrifft.

Frau Schildkröte: Ich gebe mich für heute geschlagen und sinne auf Revanche, verehrter Herr Achill!

Herr Achill: Ich freue mich darauf.

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* „Las Meninas“, Diego Velasquez, 1656, Prado, Madrid.

** „Die Ordnung der Dinge“, Michel Foucault, Suhrkamp, 1997.

*** „Diego Velasquez“, Liudmila Kagané, Aurora Art Publishers, St. Petersburg, 1996.

**** „Lacans Psychoanalyse und die Dekonstruktion“, Wolfram Bergande, Passagen Verlag, Wien, 2002.

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