(O) Goethe, David und die Blaue Fee.
Frau Schildkröte: ‚Das überhand nehmende Maschinenwesen quält und ängstigt mich, es wälzt sich heran wie ein Gewitter, langsam, langsam: aber es hat seine Richtung genommen, es wird kommen und treffen.’*
Herr Achill: Es hat mittlerweile nicht nur getroffen, verehrte Frau Schildkröte, sondern bekanntlich eingeschlagen wie eine H-Bombe, und der Geheimrat Goethe hat mit der von Ihnen zitierten Prophezeiung Ihre bereits mehrfach geäusserte These bestätigt, dass es den Dichtern vorbehalten ist, die Zukunft zu lesen.
Frau Schildkröte: Das ist nun einmal meine Haltung.
Herr Achill: Aber lässt sich dieser, den Wahlverwandtschaften entnommene Passus tatsächlich mit unserem heutigen Thema, nämlich „Artificial Intelligence“** verknüpfen?
Frau Schildkröte: Allerdings.
Herr Achill: Das bringt mich dazu, eine populäre Redewendung zu strapazieren: Ich glaube, ich bin im falschen Film.
Frau Schildkröte: Aber ganz und gar nicht verehrter Herr Achill: Die Orgas, wie die Menschen in dieser Geschichte heissen, sind von quälender Angst getrieben – weil die Mechas, also die Maschinenwesen, eine existenzielle Bedrohung bilden.
Herr Achill: Das lässt sich allerdings nicht bestreiten. Nun, ich würde es für nützlich halten, vorerst den Plot dieser Geschichte kurz zu skizzieren – und erst anschliessend weiter zu disputieren. Einverstanden, verehrte Frau Schildkröte?
Frau Schildkröte: Konstruktiven Ideen pflege ich nicht zu widersprechen, verehrter Herr Achill.
Herr Achill: Das freut mich.
Frau Schildkröte: Ich beginne also mit dem ersten Teil: David, der erste Roboterjunge, der auf Liebe programmiert ist, wird von der Familie Swinton adoptiert. Grund: ihr eigenes Kind – Martin – liegt todkrank im Spital. Trotz aller Liebe, die David zu geben hat, wird er nach Rückkehr des genesenen Martin und einigen unglücklichen Zwischenfällen entsorgt.
Herr Achill: Von seiner Mommy im Wald ausgesetzt.
Frau Schildkröte: So lässt sich dieses triste Ereignis auch beschreiben.
Herr Achill: Etwas vergassen Sie zu erwähnen, verehrte Frau Schildkröte: nämlich die Pinocchio-Geschichte.
Frau Schildkröte: Danke für den Hinweis, verehrter Herr Achill: In der Tat, Sie haben recht: Monica Swinton, die Mutter, hat, als die Harmonie in der Familie noch einigermassen intakt war, den beiden Kindern diese Geschichte vorgelesen, wovon David tief beeindruckt war.
Herr Achill: Eine wichtige Episode, weil es Pinochio mit Hilfe der Blauen Fee gelungen ist, ein richtiger Junge zu werden – und David ja das Gleiche angestrebt hat.
Frau Schildkröte: Ob das eine gute Idee dieses Roboterjungen war, sei vorerst einmal dahingestellt.
Herr Achill: Ach! Dass der arme verlorene David ein richtiger Junge werden wollte, damit seine Mommy ihn wirklich lieb hat – wie ihr eigen Fleisch und Blut: Diesen Wunsch halten Sie für diskutabel?
Frau Schildkröte: Das tue ich, und zwar aus gutem Grunde, den ich Ihnen gerne darlege, verehrter Herr Achill.
Herr Achill: Ich bitte darum.
Frau Schildkröte: Wäre David als richtiger Junge auch der bessere Junge? Ich behaupte: Nein! Er wäre vielleicht überhaupt nicht liebesfähig, sondern irgendwie kaputt – wie die ganze Orga-Gesellschaft und die Umwelt, in der er zu leben gezwungen ist.
Herr Achill: Ein niederschmetterndes Urteil über die Menschheit einer nicht allzu fernen Zukunft.
Frau Schildkröte: Nun ja, wir reden ja nur über eine Geschichte, nicht über die Realität, verehrter Herr Achill, das relativiert meine Aussage ein wenig.
Herr Achill: Hahaha!
Frau Schildkröte: Schön, dass Sie so fröhlich gestimmt sind… Aber sollten wir uns nicht auf den weiteren Verlauf der Geschichte konzentrieren, verehrter Herr Achill?
Herr Achill: Das sollten wir in der Tat: Der verstossene David macht sich auf die Suche nach der Blauen Fee. Dabei lernt er den Gigolo-Robot Joe kennen, mit dem er sich verbündet und der ihm hilft, eine tödliche Gefahr zu überleben. Danach, in einer Las Vegas-ähnlichen Stadt, die Rouge City heisst…
Frau Schildkröte: Entschuldigen Sie, dass ich hier unterbreche, verehrter Herr Achill: Sie haben eine Episode von zentraler Wichtigkeit übersprungen!
Herr Achill: Sie meinen die Flesh Fair? Der messe ich kein allzu grosses Gewicht bei.
Frau Schildkröte: Nicht? Aber Herr Achill: Das ist eine Schlüsselszene der Geschichte!
Herr Achill: Mmh. Kommt ganz auf das jeweilige Interpretationsmuster an.
Frau Schildkröte: Eben. Nichts gegen Ihre Blaue Fee und das romantische Pinocchio-Märchen, verehrter Herr Achill. Aber diese sogenannte Flesh Fair halte ich für einen Kulminationspunkt.
Herr Achill: Sie ist ein Horror-Trip.
Frau Schildkröte: Exakt das ist sie, verehrter Herr Achill…. und zwar einer, von dem sich essentielle Erkenntnisse ableiten lassen!
Herr Achill: Ich fand den saufenden, fressenden, grölenden, nach Sensationen gierenden, von fiesen Typen aufgehetzten Pöbel, der sich an dieser Flesh Fair herumtrieb, absolut dégoutant.
Frau Schildkröte: Dieser Pöbel ist es aber, der die menschliche Spezies repräsentiert – die Orgas -, verehrter Herr Achill.
Herr Achill: Nicht die ganze Menschheit, verehrte Frau Schildkröte.
Frau Schildkröte: Aber die Mehrheit, verehrter Herr Achill, was aufs Gleiche hinausläuft.
Herr Achill: Nun, in diesem Punkte bin ich nicht Ihrer Meinung, verehrte Frau Schildkröte. Doch schauen wir uns diese Flesh Fair etwas genauer an…
Frau Schildkröte: Gestatten Sie, dass ich diesen Part übernehme?
Herr Achill: Aber gerne, verehrte Frau Schildkröte.
Frau Schildkröte: Merci! Also diese Flesh Fair, übrigens nicht die einzige ihrer Art, dient dem Zweck, von Häschern aufgegriffene Mechas in einer brutalen Vernichtungsorgie zu eliminieren.
Herr Achill: Wie ein Autodafé in Zeiten der Inquisition.
Frau Schildkröte: Ein nicht ganz zutreffender Vergleich, verehrter Herr Achill: Die Orgas, also die Menschen, vernichten die von ihnen selbst kreierten Ebenbilder.
Herr Achill: Weil sie Angst vor ihnen haben.
Frau Schildkröte: Und was ist die Ursache dieser Angst? Die frustrierten Orgas fühlen sich den Mechas unterlegen, womit sie für einmal völlig recht haben!
Herr Achill: Da könnte man erneut Herrn Goethe bemühen.
Frau Schildkröte: Der Zauberlehrling…
Herr Achill: Eben der.
Frau Schildkröte: Obwohl sich unter den Opfern zahlreiche grauenhaft entstellte Mechas befinden, demonstrieren sie etwas, das der aggressiven Meute der Orgas vollständig abgeht: menschliches Mitgefühl, Klugheit, Bildung, fatalistischer Mut im Angesicht des Vernichtungsfeuers.
Herr Achill: Immerhin gelingt David das Entkommen… und nachdem er auch noch dieses Rouge City kennengelernt hat, landet er in einem Manhattan der Endzeit und muss 2000 Jahre ausharren, bis sich die Blaue Fee seiner annimmt und ihn erlöst.
Frau Schildkröte: Erlöst?
Herr Achill: Die Blaue Fee ermöglicht David ein, wenn auch nur auf einen einzigen Tag beschränktes Wiedersehen mit seiner Mommy, die ihm versichert, dass sie ihn, David, liebt und immer geliebt hat.
Frau Schildkröte: Wie schön… etwas melodramatisch für meinen Geschmack.
Herr Achill: Eine solche Reaktion habe ich von Ihnen erwartet, verehrte Frau Schildkröte.
Frau Schildkröte: Tatsächlich?
Herr Achill: Wie ich Sie kenne, dürfen existenzielle Geschichten in Ihrem Weltbild kein Happy End haben.
Frau Schildkröte: Das beweist mir, dass Sie mich mittlerweile ganz gut kennen, verehrter Herr Achill… und, abgesehen von dieser einmal mehr ziemlich ödipalen Mutter-Sohn-Beziehung hat diese Geschichte überhaupt kein Happy End, prophezeit sie uns doch, dass die Menschheit in 2000 Jahren nicht mehr existieren wird.
Herr Achill: Es ist nur eine Geschichte.
Frau Schildkröte: Hahaha!
Herr Achill: Wenn Sie sich von Ihrem Lachanfall erholt haben, würde ich mich gerne für heute verabschieden, verehrte Frau Schildkröte.
Frau Schildkröte: Vielen Dank für Ihre Rücksichtnahme, verehrter Herr Achill… aber es gibt da noch einen interessanten Aspekt unserer Geschichte, den ich vorher gerne kurz streifen möchte.
Herr Achill: Bitte sehr, verehrte Frau Schildkröte.
Frau Schildkröte: Es geht um das Gespräch des Chefs der mecha-produzierenden Firma mit seinem Team zu Beginn der Geschichte.
Herr Achill: Ein sehr von sich eingenommener Mann, dieser… wie heisst er doch gleich?
Frau Schildkröte: Hobby.
Herr Achill: Genau.
Frau Schildkröte: In besagtem Gespräch stellt ein weibliches Teammitglied die folgende Frage, ich zitiere: „If a robot could genuinely love a person, what responsibility does that person hold toward that mecha in return? It’s a moral question, isn’t it?“
Herr Achill: „The oldest one of all. But in the beginning, didn’t God create Adam to love him?“, lautet die verblüffende Antwort dieses Mr. Hobby.
Frau Schildkröte: Er vergleicht sich mit Gott, dieser postmoderne Dr. Strangelove – sein Hobby ist es, die Rolle des Schöpfers zu spielen.
Herr Achill: Na dann: Gute Nacht!
Frau Schildkröte: Bis demnächst.
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* J.W. von Goethe „Wahlverwandtschaften“, DTV, 1999.
** Steven Spielberg „Artificial Intelligence“ (nach Stanley Kubrick), 2001.
