(S) Herr Nietzsche und das Affentheater.

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Herr Achill: Ein kleiner Junge, starr vor Entsetzen, schaut zu, wie ein von Kugeln getroffener Mann am Boden liegt und stirbt… und er, der kleine Junge, ist selbst dieser Mann – in circa 35 Jahren.

Frau Schildkröte: James Cole, der weltfremde Zeitreisende… Ja, eine nicht uninteressantes Spiel mit dem Phänomen ‚Zeit’*.

Herr Achill: Sie halten Cole für weltfremd?

Frau Schildkröte: So ist es, verehrter Herr Achill. Und Sie?

Herr Achill: Ich sehe ihn eher als unglücklichen Menschen – beim leider vergeblichen Streben nach Erlösung und Liebe.

Frau Schildkröte: Zu dick aufgetragene Empathie trübt den Blick.

Herr Achill: Wieder einmal auf dem eiskalten Pfad der Rationalität unterwegs, hm?

Frau Schildkröte: Dieser James Cole vermehrt die ohnehin zu grosse Zahl komischer Philanthropen um ein weiteres überflüssiges Exemplar… Eine Welt retten wollen, die im Falle dieser Geschichte – und vielleicht nicht nur dort – bereits so gut wie verloren ist. Wie kann man nur so naiv sein?

Herr Achill: So lange ein Funken Hoffnung besteht, scheint es doch verdienstvoll, sich zu bemühen…

Frau Schildkröte: Bitte, Herr Achill, verschonen Sie mich mit dem abgedroschenem Prinzip Hoffnung.

Herr Achill: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Frau Schildkröte: Zuletzt! Wann ist „zuletzt“? In diesem Affentheater, über das wir heute disputieren, ist es doch längst Vergangenheit.

Herr Achill: Jetzt habe ich Sie aber ertappt, verehrte Frau Schildkröte!

Frau Schildkröte: Wie belieben?

Herr Achill: Wenn Sie die Möglichkeit einer Vergangenheit nicht in Frage stellen, sondern grundsätzlich bejahen, müssen Sie natürlich auch die Möglichkeit einer Zukunft in Erwägung ziehen…. und einer Gegenwart, notabene.

Frau Schildkröte: Sie machen es sich etwas zu einfach, verehrter Herr Achill.

Herr Achill: Nein, nein, keineswegs: Ihr Evozieren einer Vergangenheit lässt nur eine Schlussfolgerung zu: Sie glauben unbeirrt an ein, nennen wir es einmal: vernünftiges Raum-Zeit-Kontinuum… und wenn dem so ist, müssen Sie den Menschen in diesem Kontinuum die Möglichkeit sinnvollen Handelns zugestehen.

Frau Schildkröte: Eine halsbrecherische These, die Sie mir da auftischen, verehrter Herr Achill.

Herr Achill: Mit diesem Ausweichmanöver enttäuschen Sie mich ein wenig, verehrte Frau Schildkröte.

Frau Schildkröte: Jetzt machen Sie aber einmal einen Punkt, Monsieur Achill! Ausweichmanöver – ich höre wohl nicht recht!

Herr Achill: Darf ich Ihnen einen Vorschlag unterbreiten?

Frau Schildkröte: Meinetwegen… unter der Bedingung allerdings, dass dieser Ihr Vorschlag vernünftig ist.

Herr Achill: Er ist es verehrte Frau Schildkröte, er ist es.

Frau Schildkröte: Nun dann rücken Sie schon heraus damit!

Herr Achill: Wie wäre es mit einer Kurzanalyse der in „Twelve Monkeys“ erzählten Geschichte? Würde das hitzige Disputklima etwas abkühlen.

Frau Schildkröte: Akzeptiert.

Herr Achill: Verbindlichsten Dank. Also…

Frau Schildkröte: Nein, nein, diesen Part würde gerne ich übernehmen.

Herr Achill: Sei’s drum.

Frau Schildkröte: Gut… Ein kläglicher Rest der Menschheit – in Zahlen: 1%! – hat sich nach der finalen, durch einen tödlichen Virus ausgelösten Katastrophe in den Untergrund geflüchtet… Und selbst diese wenigen Überbleibsel der ach so stolzen Gattung homo sapiens vermögen nicht in Frieden zu leben – es gibt sogar ein Gefängnis in diesem Refugium.

Herr Achill: Dort sitzt James Cole ein, und sieht einem Insassen von Abu Chraib täuschend ähnlich.

Frau Schildkröte: Oder einem Guantanamo-Häftling.

Herr Achill: Ja, einem Häftling auf dem einzigen Teil von Kuba, wo die Menschenrechte hochgehalten werden.

Frau Schildkröte: Gut, weiter: Ein Gruppe von etwas hysterischen, technokratisch orientierten Wissenschaftlern, die sich auch mit dem neumodischen Attribut durchgeknallt bezeichnen liesse – und die in diesem unterirdischen Refugium die Macht in Händen hält, versucht mit allen Mitteln, besagten tödlichen Virus zu identifizieren.

Herr Achill: Mit allen Mitteln.

Frau Schildkröte: Ja, und eines dieser Mittel ist das Katapultieren von mehr oder weniger freiwilligen Kundschaftern in die kaputte Oberwelt.

Herr Achill: James Cole.

Frau Schildkröte: Richtig. Nun ist jedoch unser Mr. Cole anfänglich gar nicht begeistert von diesen gefährlichen Missionen.

Herr Achill: Was man ihm angesichts der zahllosen Pannen auch nicht verdenken kann.

Frau Schildkröte: Pannen? Ich würde eher von Desastern reden… verursacht durch die stupide Ignoranz einer Sorte von Wissenschaftlern, die glaubt, mit sogenannten High-end-Technologien alles im Griff zu haben.

Herr Achill: … und die in Tat und Wahrheit den armen James immer wieder in ein falsches Jahr ‚beamen’, was ihm gar nicht gut bekommt.

Frau Schildkröte: Ja, einmal, als er auf den Schlachtfeldern des 1. Weltkriegs landete, hätte er fast das Zeitliche gesegnet – was paradoxe Auswirkungen nach sich gezogen hätte. Nun gut, lassen wir das…

Herr Achill: … und fahren wir mit der eigentlichen Geschichte fort.

Frau Schildkröte: James Cole nimmt eine heisse Spur auf, die sich jedoch als Sackgasse entpuppt.

Herr Achill: Die zwölf Affen.

Frau Schildkröte: Diese ‚Twelve Monkeys’, eine Öko-Aktivisten-Truppe, wird von Mr. Cole verdächtigt, besagten tödlichen Virus auf der Erde verbreitet zu haben.

Herr Achill: Doch in Wirklichkeit stammt die Büchse der Pandora einmal mehr aus einem wissenschaftlichen Labor.

Frau Schildkröte: Und ein verrückter Laborant hat sie in einigen grossen Metropolen der Welt entleert.

Herr Achill: James Cole wollte diesen Massenmörder in letzter Sekunde im Flughafen von L.A. aufhalten, wurde dabei von Security-Leuten erschossen… und ein kleiner Junge, den sie wahrscheinlich Jimmy nannten, schaute dabei zu.

Frau Schildkröte: Womit sich der Kreis geschlossen hat.

Herr Achill: Aber…

Frau Schildkröte: Aber?

Herr Achill: Wie Sie eingangs erwähnten, verehrte Frau Schildkröte, bildet die in den „Twelve Monkeys“ erzählte Geschichte nur eine mögliche Interpretation des Phänomens der Zeit ab.

Frau Schildkröte: Ich konstatiere, dass Sie nicht locker lassen wollen, verehrter Herr Achill – und auf jenen strittigen Punkt von vorhin zurückkommen möchten. Ist es nicht so?

Herr Achill: Ungeklärte Fragen im Raum stehen lassen ist nicht meine Art.

Frau Schildkröte: So, so.

Herr Achill: ‚Wie, wenn dir eines Tages oder Nachts ein Dämon in deine einsamste Einsamkeit nachschliche und dir sagte: Dieses Leben, wie du es jetzt lebst und gelebt hast, wirst du noch einmal und noch unzählige Male leben müssen; und es wird nichts Neues daran sein, sondern jeder Schmerz und jede Lust und jeder Gedanke und Seufzer und alles unsäglich Kleine und Grosse deines Lebens muss dir wiederkommen, und alles in derselben Reihe und Folge… Die ewige Sanduhr des Daseins wird immer wieder umgedreht – und du mit ihr.’**

Frau Schildkröte: Der Herr Nietzsche höchstpersönlich… Etwas zu extrem finden Sie nicht, verehrter Herr Achill!

Herr Achill: Ich würde eher sagen: Eine durchaus diskussionswürdige These in origineller Verpackung… Aber um auf Ihren Glauben an ein vernünftiges Raum-/Zeit-Kontinuum zurückzukommen…

Frau Schildkröte: Einen Augenblick, bitte. Ich würde vor einer Darlegung meiner eigenen Position gern erfahren, wie Sie, verehrter Herr Achill, zu diesem Thema stehen.

Herr Achill: Ich stelle eine wie immer geartete Kausalität in dieser Welt in Frage – und befinde mich dabei in guter Gesellschaft, verehrte Frau Schildkröte.

Frau Schildkröte: Aber es ist Ihnen sicher nicht entgangen, verehrter Herr Achill, dass es einigen prominenten Vertretern dieser, wie Sie sagen, „guten Gesellschaft“, wie zum Beispiel Herrn Einstein, nicht ganz wohl ist dabei.

Herr Achill: Nein, das ist mir nicht entgangen, und ich muss gestehen, auch für mich ist die Gedanke ein wenig erschreckend, dass die Zeit – und mit ihr zwangsläufig auch die Realität – nichts als ein Illusion sein könnte.

Frau Schildkröte: Könnte! Das ist eine interessante Selbstoffenbarung.

Herr Achill: Ich mache es mir eben nicht so leicht wie Sie, verehrte Frau Schildkröte…

Frau Schildkröte: Nun hören Sie mir einmal gut zu, verehrter Herr Achill: Ich glaube keineswegs unbeirrt an ein vernünftiges Raum-/Zeit-Kontinuum, wie Sie es mir zu unterstellen beliebten.

Herr Achill: Sondern?

Frau Schildkröte: Sie werden es nicht glauben, aber unsere angeblich so konträren Positionen sind gar nicht so weit voneinander entfernt.

Herr Achill: Da bin ich aber sprachlos.

Frau Schildkröte: Aber offensichtlich nicht gehörlos. Also hören Sie zu, verehrter Herr Achill.

Herr Achill: Ich bin ganz Ohr.

Frau Schildkröte: „Was wir finden müssen, ist ein wahrlich schmaler Weg zwischen zwei Konzeptionen, die beide in Wahnwitz enden: der Konzeption einer Welt, die von Gesetzen regiert wird, welche keinen Raum lassen für die Entstehung von Neuem und für Kreativität…

Herr Achill: Uff, die Deterministen lassen grüssen.

Frau Schildkröte: „… und der Konzeption, für die als Symbol ein würfelnder Gott steht; der Konzeption einer absurden, akausalen Welt, in der es nichts gibt, was wir verstehen könnten.“***

Herr Achill: Wenn ich Sie richtig verstehe, sind Sie also auf der Suche nach besagtem ‚wahrlich schmalen Weg’, verehrte Frau Schildkröte.

Frau Schildkröte: Sie doch ebenfalls, verehrter Herr Achill… und der einzige Unterschied ist, dass wir ebendiese Suche aus verschiedenen Richtungen angehen.

Herr Achill: Womit sich unser kleiner Konflikt von vorhin wie von selbst gelöst hätte.

Frau Schildkröte: Nun, das ist doch einmal ein richtig positives Schlusswort, verehrter Herr Achill.

Herr Achill: Also dann, bis demnächst.

Frau Schildkröte: Bis demnächst.

____________________________

*
„Twelve Monkeys“, Regie Terry Gilliam, 1995.

**
„Die fröhliche Wissenschaft“, Friedrich Nietzsche, Hanser, 1954.

***
„Texte zur Philosophie der Zeit“, Frank Schlaefendorf, www.schlaefendorf.de/literatur/prigogine/node76.html

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