(T) Postfaschismus ante portas?

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Frau Schildkröte: Was würden Sie zu einer neuen Variante des Rassismus sagen, verehrter Herr Achill?

Herr Achill: Heil Hitler!

Frau Schildkröte: Nun das ist fürwahr eine etwas gewagte Aussage.

Herr Achill: Eher eine spontane… Im übrigen lassen mein Spanisch und Italienisch zu wünschen übrig, weshalb…

Frau Schildkröte: Ich verstehe.

Herr Achill: Gut… Aber nun würde ich es begrüssen, wenn Sie mir erklären könnten, was Sie dazu bewogen hat, unseren heutigen Disput dem Thema Rassismus unterzuordnen, verehrte Frau Schildkröte.

Frau Schildkröte: Sehr einfach: Weil es den Nagel auf den Kopf trifft, mein Verehrtester.

Herr Achill: Gehe ich richtig in der Annahme, dass Sie bei den Cyberwesen der Zukunft eine Art digitales Rassenbewusstsein vermuten?

Frau Schildkröte: Nein, verehrter Herr Achill, ich vermute gar nichts. Wie könnte ich auch, wo ich doch, wie Sie aus früheren Diskussionen wissen, nicht einmal das Aufkommen solcher digitalen Wesen für gesichert halte.

Herr Achill: Aber immerhin für möglich.

Frau Schildkröte: Für möglich, ja, natürlich… und somit für diskussionswürdig

Herr Achill: Schön, wenn Sie alles für möglich halten, dann können wir ja einmal mehr mit dem Diskutieren beginnen, verehrte Frau Schildkröte.

Frau Schildkröte: Sehr gerne, verehrter Herr Achill.

Herr Achill: Nun denn… Also jene digitalen Wesen, mit denen wir uns in den bisherigen Disputen auseinandergesetzt haben…

Frau Schildkröte: … als da wären: Batou (1), David (2), Deunan (3)….

Herr Achill: Motoku (4)…

Frau Schildkröte: Major Motoku Kusanagi, die schöne Cyber-Heldin, wie konnte ich Ihre Angebetene vergessen, verehrter Herr Achill!

Herr Achill: Ja, wie wohl… Doch zurück zum Thema: Bei besagten Figuren handelt es sich um fiktive Einzelwesen.

Frau Schildkröte: So ist es.

Herr Achill: Marvin Minskys Mind Children oder Ray Kurzweils unsterbliche Existenzen haben wir ebenfalls ausschliesslich als einzelne Individuen behandelt.

Frau Schildkröte: Das ist richtig.

Herr Achill: Doch heute wollen wir endlich einmal die sozialen, die gesellschaftlichen Implikationen des Auftretens solcher Wesen ein wenig beleuchten.

Frau Schildkröte: Wenn wir gewisse wissenschaftliche Prognosen für die Dauer unseres heutigen Gesprächs für bare Münze nehmen, dann gibt es doch nur eine Schlussfolgerung.

Herr Achill: Nämlich welche?

Frau Schildkröte: Dass diese digitalen Wesen in Massen auftreten werden… und somit in Abgrenzung zu den in dieser Zukunftswelt übrig gebliebenen Menschen zwangsläufig irgendeine Form von Gemeinschaftsgefühl entwickeln werden, vielmehr müssen.

Herr Achill: Da sehe ich Konflikte am Horizont, verehrte Frau Schildkröte.

Frau Schildkröte: Da geht es Ihnen nicht anders wie mir, verehrter Herr Achill.

Herr Achill: Nun dann zögern wir doch nicht länger und machen uns an eine kleine Konfliktanalyse.

Frau Schildkröte: Sind Sie einverstanden, wenn wir uns dazu des in dem Buch „Beyond Humanity“ * ausgebreiteten Zukunfts-Szenarios bedienen?

Herr Achill: Natürlich. Schliesslich handelt es sich beim Autorenpaar um einen Bestseller-Biologen und einen ausgewiesenen Artificial Intelligence-Experten.

Frau Schildkröte: Versteckt sich etwa eine Prise Ironie in Ihrer Antwort, verehrter Herr Achill?

Herr Achill: Möglicherweise.

Frau Schildkröte: Nun, wie auch immer… Also die von unserem Autorenpaar prognostizierten denkenden Maschinen sind da. Sie sind zahlreich. Sie sind clever. Sie verfügen über einen unglaublich hohen IQ.

Herr Achill: Zum Beispiel können sie einen Wälzer wie etwas Tolstois „Krieg und Frieden“ spielend in wenigen Minuten auf ihre Festplatten laden… Aber auch verstehen?

Frau Schildkröte: Eher nicht, würde ich meinen. Doch das wäre ein anderes Thema… Aber nun zu den gravierenden Aspekten dieser von den Autoren mit „Cyber Explosion“ bezeichneten Entwicklung: Wie reagieren die Vertreter der Spezies Mensch auf ihre digitalen Nebenbuhler?

Herr Achill: Wie immer, wenn sie fürchten, dass ihnen jemand die Butter vom Brot nehmen könnte: aggressiv.

Frau Schildkröte: Butter und Brot benötigen die denkenden Maschinen nicht – worin sich ein weiterer Überlegenheitsfaktor dieser Wesen manifestiert, und zwar sowohl ein ökonomischer, wie ein ökologischer… Aber dies nur am Rande. Doch weiter im Szenario: Unseren schlauen Maschinen bleibt nichts verborgen – somit auch nicht die menschliche Aggressivität.

Herr Achill: Und wie reagieren sie darauf? Ich zitiere aus besagtem Buch: „Being aware (via info uplinks) of human tendencies to kill minds that are too scary, the cognitive robots carefully access all potential threats at speeds too fast for human counter, and quickly – and if neccesary, deceptively – take the steps needed to ensure their survival.“

Frau Schildkröte: ‘Die nötigen Schritte unternehmen’, und zwar, wenn nötig, mit allen Tricks – das lässt Böses ahnen, verehrter Herr Achill.

Herr Achill: Eklatante Verletzungen der Menschenrechte.

Frau Schildkröte: Globaler Rassismus.

Herr Achill: Ethnische Säuberungen.

Frau Schildkröte: Sklaverei.

Herr Achill: Postfaschismus.

Frau Schildkröte: Und das böse Ende wäre das definitive Ende der Herrschaft des Menschen – und das mehr oder weniger rasche Verschwinden dieser Spezies aus dieser unserer – unserer? – Welt.

Herr Achill: Ja, verehrte Freundin, unter solch dramatischen Umständen müssten Sie sich als biologisches Lebewesen vermutlich ebenfalls verabschieden… Aber es gibt noch Hoffnung, hahaha!

Frau Schildkröte: Da bin ich aber erleichtert, hahaha… Sie meinen…

Herr Achill: Ich meine das tröstliche Ende dieses Buches.

Frau Schildkröte: Natürlich, diesen technoiden Zweckoptimisten bleibt ja gar nichts anderes übrig, als besagten Konflikt in ein hollywood-ähnliches Happy End ausmünden zu lassen.

Herr Achill: Der Crux ist jedoch: Es i s t überhaupt kein Happy End, was uns die beiden gescheiten Herren da servieren.

Frau Schildkröte: Ganz Ihrer Meinung, verehrter Herr Achill.

Herr Achill: Das Rezept zum Überleben ist also laut diesen Zukunfts-Gurus ganz simpel: Der Mensch muss sich in einen Robot verwandeln, sich umprogrammieren, oder was auch immer.

Frau Schildkröte: Konkret: Die Spezies digitalis macht der Spezies homo sapiens ein grosszügiges Angebot: Entweder, ihr werdet ‘neue Menschen’, oder eure Zeit ist abgelaufen.

Herr Achill: ‘Der neue Mensch’. Das erinnert mich an eine andere Ideologie unseligen Angedenkens.

Frau Schildkröte: Ja, ja… Ist Ihnen der homo sovieticus noch ein Begriff?

Herr Achill: Ist er, verehrte Frau Schildkröte, ist er in der Tat. Das Werk gleichen Namens des mittlerweile verblichenen Alexander Sinowjew wurde ja seinerzeit heftig diskutiert.

Frau Schildkröte: Les extrèmes se touchent.

Herr Achill: Das tun sie immer.

Frau Schildkröte: Noch eine Gewissensfrage zum Schluss, verehrter Herr Achill: Auf welche Seite würden Sie sich schlagen, wenn sich das besprochene Zukunftsszenario in Realität verwandeln würde?

Herr Achill: Ich würde abwarten und Tee trinken… vielleicht mit Ihnen, verehrte Frau Schildkröte.

Frau Schildkröte: Das ist nett von Ihnen, obwohl ich selten Tee trinke.

Herr Achill: Und wie wär’s mit knackigen Salatblättern und einem Schälchen frischem Wassers?

Frau Schildkröte: Akzeptiert.

Herr Achill: Schön – aber bis es soweit ist, werden wir vermutlich noch zahlreiche Dispute führen können.

Frau Schildkröte: Ich freue mich bereits auf den nächsten.

Herr Achill: Ich ebenfalls… Also dann.

Frau Schildkröte: Also dann – bis bald.

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(1) Batou: Ex-Ranger im Kult-Animé „Ghost in the Shell“.

(2) David: Roboterjunge aus Spielbergs „Artificial Intelligence“.

(3) Deunan: Heldin im Animé „Appleseed“.

(4) Motoku: Heldin aus Ghost in the Shell“.

* „Beyond Humanity“, Gregory S. Paul & Earl D. Cox, Charles River Media, Rockland, Massachusetts, 1996.

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